Digitalisierung: Mainfranken 4.0
In unserer neuesten Ausgabe von B4B WIRTSCHAFTSLEBEN MAINFRANKEN WISSEN dreht sich alles um Digitalisierung.

Sascha Lobo im Interview

Es geht nicht um Technik. Es geht um die Haltung.

Digitalisierung: Mainfranken 4.0 | 30.11.2017

Sascha Lobo. Foto: IHk Würzburg-Schweinfurt / Marcel Gränz
Sascha Lobo. Foto: IHk Würzburg-Schweinfurt / Marcel Gränz

Seine Haarpracht sticht ins Auge, seine Analysen treffen ins Mark: Beim herbstlichen Mittelstandstag der IHK Würzburg-Schweinfurt erwies sich Blogger und Unternehmensberater Sascha Lobo für seine Zuhörer als hilfreicher Wegweiser im Digitalisierungs-Dschungel.

Deutschland hat das schönste und zugleich größte Problem: Der wirtschaftliche Erfolg verhindert die Bereitschaft zur Veränderung.“ Es sind Sätze wie dieser, die dem bekannten Internet-Experten Sascha Lobo die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Publikums sichern. Unverblümt dringt er in seinen Bestandsaufnahmen und Zustandsanalysen dorthin vor, wo’s weh tut. Insbesondere die Digitalisierung steht daher gegenwärtig oben auf seiner Agenda – und der Umgang deutscher Unternehmen mit den darin enthaltenen Herausforderungen.

Beim Mittelstandstag der IHK Würzburg-Schweinfurt Ende September schrieb Lobo daher den versammelten Führungskräften der regionalen Wirtschaft dringenden Handlungsbedarf ins Stammbuch. „Es geht weniger darum, was wir mit der Technik anstellen. Es geht um unsere Haltung zum Thema“, sagte er. Die Digitalisierung werde den Unternehmen nicht übergestülpt, sie müsse aus eigener Kraft gestaltet werden. Denn es handele sich um eine evolutionäre Entwicklung, einen fortlaufenden Prozess: „Digitalisierung ist genau jener digitale Zustand, in dem man gerade noch nicht ist.“

Auch wenn es schwerfalle, den Veränderungsdruck zu akzeptieren, dürften sich Unternehmen nicht länger davor drücken, die nötigen Schritte zügig zu gehen. „Die Erfolgsrezepte, die uns bisher vorangebracht haben, funktionieren noch. Aber es gibt keine Garantie, dass sie das in fünf oder zehn Jahren noch immer tun“, entkräftete Lobo ein mögliches Argument zum weiteren Zuwarten und Beobachten. Gleichzeitig wischte er das Stigma beiseite, das dem Begriff „Angst“ im Zusammenhang mit der Digitalisierung anhaftet. „Angst hat auch schon ungünstige Entwicklungen verhindert, das ist nicht der schlimmste Hinderungsgrund.“

Es sei allerdings verfehlt, sich der Angst hinzugeben und im Nichtstun zu verstecken. Vielmehr sei ein strukturiertes und planvolles Vorgehen das Gebot der Stunde. Nachdrücklich plädierte Lobo daher für einen Digitalisierungs-Verantwortlichen auf Führungsebene jedes Unternehmens: „Der Chief Digital Officer oder CDO, wie ihn Großfirmen und Konzerne immer häufiger aufstellen, bringt genau die Strahlkraft einer Person, die es zur Umsetzung des Themas braucht.“ Für alle, die noch nicht in diese Richtung unterwegs sind, sei es nun an der Zeit, „die letzte Ausfahrt“ dorthin zu nehmen.

Selber machen statt imitieren

Dass der Begriff „Digitalisierung“ oft abstrakt wirke und die Formel „4.0“ mitunter inhaltsleer, ist aus Lobos Sicht eine Art notwendiges Übel. Es brauche solche Begriffe, um Diskussionen zu bündeln. Er zitierte in diesem Zusammenhang eine alte Beraterweisheit: „Je öfter man ein Schlagwort wiederholt, desto früher wird ein Budget daraus.“ Unter diesem Vorzeichen sei es auch angebracht, Anreizsysteme zu schaffen, für Beschäftigte wie Unternehmer gleichermaßen, sich mit dem Thema aktiv zu beschäftigen und Veränderungen auf sich zu nehmen. Dabei sei es besser, eigene Kräfte und Fähigkeiten zu mobilisieren als andere zu imitieren: „Es gab da vor hundert Jahren Theaterbesitzer, die fürchteten die neue Konkurrenz durch den Film. Also filmten sie ein Bühnenstück ab und dachten, sie seien beim neuen Trend dabei.“ Dies funktioniere heute weniger denn je.

Aus- und Weiterbildung wandeln sich mit

Verändern werden sich im Zuge der Digitalisierung nicht nur Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb, sondern die gesamte Arbeitswelt. Während auf der einen Seite die Digitalisierung einige neue Arbeitsplätze mit sich bringe, respektiert Lobo angesichts dieser verbreiteten Erkenntnis die Sorgen, die sich vor allem kleine und mittlere Unternehmen um den Wegfall von Arbeitsplätzen machten. „Ich glaube nicht, dass durch Automatisierung und Digitalisierung alle Arbeitskräfte überflüssig werden“, sagte er. „Aber 50 Prozent der Jobs wird es über kurz oder lang in ihrer jetzigen Form nicht mehr geben.“

Er sieht die Firmen genauso wie die Beschäftigten daher gefordert, sich bei ihrer Aus- und Weiterbildung auf eine grundsätzlich gewandelte Zukunft einzustellen. „Die Arbeit eines Programmierers kann durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz in fünf bis zehn Jahren ganz anders aussehen als heute“, nannte er ein Beispiel. Das gelte aber für Berufsfelder im Maschinenbau oder in der Lebensmittelindustrie genauso. Das Mittel der Wahl in dieser Phase sei daher eindeutig „mutiger zu werden, mehr Experimente zu wagen“. Der in unserem Kulturkreis vorherrschende Hang zum Perfektionismus müsse einer Fehlerkultur weichen, die schnelle Erkenntnisse und Entscheidung nach sich zieht.

Unternehmern aller Branchen riet Sascha Lobo ein Auge auf den neuen Plattform-Kapitalismus zu haben, auf die führenden Wirtschaftsunternehmen unserer Tage wie Amazon, Google oder Apple, die längst die klassischen Industrie-Giganten an der Spitze der global führenden Kräfte abgelöst haben. Die Bündelung von Angeboten auf Plattformen „ist das, wohin die digitale Transformation führt: ein ­digitales Ökosystem rund um die Kundenbeziehungen“. Der Löwenanteil der Wertschöpfung wandere in die digitale Sphäre, wo wachsende und neue Datenströme auch wachsende und neue Effizienzen auslösten – eine „Effizienzradikalität“ von bisher nicht gekanntem Ausmaß. Der Lehrsatz, an dem es sich daher zu orientieren und auf den das eigene Verhalten abzustellen ist, laute: „Was zur Plattform werden kann, wird zur Plattform werden.“

Das Interview führte Ulrich Pfaffenberger.

zurück drucken verlinken

Mehr zum Thema

Anzeige

Neuestes Video

IHK-TV präsentiert Ausbildungsberufe.

Fit for JOB!

FFJ Mainfranken 2017

Karrierestart in Mainfranken: fit for JOB!, die Broschüre der IHK für Schulabgänger und Berufseinsteiger liefert alle Antworten zu Karrierefragen.

Magazin bestellen

Für B4B MAINFRANKEN.de-Leser kostenfrei!

Gebündeltes Expertenwissen als Print-Magazin:

  • Kompendium praxisbezogener und nützlicher Fachartikel
  • Hinweise und Impulse für den betrieblichen Alltag
  • Porträts von Top-Unternehmen und der Experten aus der Region