Steuern und Recht 2015
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RECHTSABTEILUNG AUSLAGERN?

„Hausjuristen“ nach Maß

Expertentipps | 28.10.2015

Outsourcing als Königsweg? Bildquelle: Ausgabe Steuern & Recht 2015
Outsourcing als Königsweg? Bildquelle: Ausgabe Steuern & Recht 2015

Die rechtlichen herausforderungen für unternehmen werden immer komplexer. den eigentlich nötigen hausjuristen kann sich aber nicht jede firma leisten. Doch Welche Möglichkeiten gibt es, trotzdem „Hausrecht“ zu gestalten?

von Bert Röge

Beim Blick auf die führenden Unternehmen in Deutschland zeigt sich seit Jahren eine unstrittige Entwicklung: Die Bedeutung der Rechtsabteilung steigt weiter an. Augenfälliges Merkmal dafür ist die Tatsache, dass bereits jede zehnte Rechtsabteilung in einem eigenen Vorstandsressort organisiert ist; 2007 war es noch nicht einmal jede zwanzigste. Fast zwei Drittel der deutschen „Leiter Recht“ berichten direkt an den Chief Executive Officer (CEO). Das unterstreicht die wichtige Rolle der Rechtsabteilung für den Unternehmenserfolg und begründet, warum sich die Rechtsabteilungen vor allem der Beratung und Betreuung von Seniormanagement und den Unternehmensorganen verpflichtet sehen.

Standardisierte Abläufe auf dem Vormarsch

Und die Herausforderungen werden nicht geringer – im Gegenteil: Die Aufgaben in Compliance, Corporate Governance, im Kartellrecht und in strafrechtlichen Ermittlungsverfahren werden nach Meinung der „General Counsel“ (oder Chief Legal Officer – CLO) in Zukunft weiter zunehmen. Als Folge dessen stehen Effizienz- und Produktivitätssteigerungen ganz oben auf der To-do-Liste der Rechtsabteilungen.

Während die personelle Kapazität und die speziellen Fachkompetenzen der Mitarbeiter allmählich an Grenzen stoßen und den Einsatz externer Kanzleien begünstigen, optimieren die „Legal Counsel“, also die Allrounder in den Rechtsabteilungen, weiterhin die Abläufe, den Technikeinsatz und die Kostenstrukturen in der Abteilung. Wie sich dies auf das Selbstverständnis, die strategische Ausrichtung und die Organisation der Rechtsabteilungen deutscher Unternehmen auswirkt, deckt der „Rechtsabteilungs-Report 2013/14“ auf.

Für die Studie, die seit 2005 erscheint, wurden die Leiter Recht der 150 führenden Unternehmen in Deutschland zu den Themen Orga­-
ni­sation, Strategie, Personalausstattung, Kosten, Zusammenarbeit mit externen Kanzleien, Prioritäten, Herausforderungen und Trends befragt. Die Ergebnisse
geben Aufschluss darüber, welche Maßnahmen sich in den Rechtsbereichen der jeweiligen Firmen als erfolgswirksam erwiesen haben und welche für die Zukunft geplant sind.

Interne Kosten sinken – externer Aufwand steigt

Die internen Kosten der Rechtsabteilung sind zum Stichtag 2013 auf durchschnittlich 223.327 Euro pro Jahr und Anwalt gesunken. Seit dem Krisenjahr 2009 ist das ein Rückgang um 16 Prozent. Ein Grund hierfür ist die wachsende Beschäftigung von nicht juristisch ausgebildeten Mitarbeitern („Paralegals“), die den Anwälten zuarbeiten. Außerdem nimmt die Beschäftigung von klassischen Hilfs- und Assistenzkräften weiter ab. Die internen Kosten liegen im Schnitt um rund 40 Prozent unter den externen Kosten.

Die Mandatierung externer Kanzleien wird in Zukunft per Saldo zunehmen. Dabei wird die Zahl der beauftragten Kanzleien allerdings tendenziell sinken. Ein knappes Drittel der General Counsel plant, vermehrt auf das Spezialwissen der externen Kollegen, vor allem aus ausländischen Rechtsgebieten, zuzugreifen. In jeder fünften Rechtsabteilung machen sich bereits Kapazitätsengpässe bemerkbar.

Outsourcing als Königsweg

Für kleine und mittlere Unternehmen ist dieses „Outsourcing“ der Rechtsabteilung in der Regel der einzige Weg, um eine zuverlässige Betreuung aller juristischen Angelegenheiten der Firma sicherzustellen. Sie können sich dabei auf eine steigende Zahl an Kanzleien stützen, die gezielt entsprechende Qualifikationen ausbauen und mit Slogans wie „Ihre externe Rechtsabteilung“ für ihre Dienstleistung werben.

Im Prinzip muss eine solche externe Rechtsabteilung all jene Aufgaben beherrschen, die auch ein Hausjurist zu bewältigen hat. Vor allem ist ihr Beistand im Vertragsrecht gefragt, das im Tagesgeschäft den breitesten Raum einnimmt; gegenüber Behörden, Kunden, Lieferanten und Dienstleistern ist hier fachkundige Begleitung genauso gefordert wie im Verhältnis zu Mitarbeitern oder Investoren. Im Idealfall bedeutet dies auch persönliche Präsenz bei Verhandlungen, um frühzeitig Positionen sichern sowie Risiken vermeiden zu helfen. Dies schließt letztlich auch Beiträge zu einem effizienten und sicheren Vertragsmanagement, zu einer stabilen Gestaltung beim Haftungsrecht und zu einer Optimierung von Geschäftsprozessen unter rechtlichen Aspekten ein. Der Beistand reicht dabei bis hin zum Gesellschaftsrecht mit und ohne Nachfolgeregelungen.

Den größten Aufwand und das am weitesten ausgedehnte juristische Fachwissen benötigen Unternehmen übrigens dort, wo es gilt, ihren Bestand und ihr Know-how zu sichern. Gerade bei den nationalen und internationalen Schutzrechten, sei es für Ideen, Produkte oder Marken, führt als Dienstleister kein Weg an einer spezialisierten Kanzlei vorbei. Den Aufwand, derlei in eigener Hand zu halten, können sich nur die großen Konzerne leisten.

Import von Erfahrungswissen

Bei vielfach noch ungewohnten Aufgaben wie „Compliance“ bringen die externen Experten zudem ein Erfahrungswissen mit, das sich intern kaum erwerben lässt. Gerade hier, im Spannungsfeld von „gerade noch erlaubt“ und „schon verboten“, liegen für kleine und mittlere Unternehmen zahlreiche rechtliche Fallen. Insbesondere im Geschäftsverkehr mit der öffentlichen Hand kann bereits der Anschein von Korruption oder falscher Freundlichkeit gegenüber Amtspersonen schwere wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen.

Der Vorteil des externen Dienstleisters liegt daher nicht nur auf der Kostenseite. Eine professionell agierende Kanzlei für Wirtschaftsrecht verfügt auf jeden Fall über tiefere und aktuellere Ressourcen, als sich das in einer internen Abteilung darstellen lässt, für die es als Mindestausstattung eines Volljuristen plus Assistenz plus Sekretariat bedarf, von Abwesenheitsaushilfen, Weiterbildung und Fachliteratur ganz zu schweigen. Dieses Wissen lässt sich auch für die Schulungen von Mitarbeitern abrufen, um die kein Unternehmen mehr herumkommt. Ob es dabei um „Compliance“ geht oder um Datenschutz, um die Regelung der Internetnutzung im Betrieb oder das Verhalten auf Dienstreisen: Die juristische Wegweisung für alle Beschäftigten gehört in erfahrene Hände und braucht konkrete Anleitung, nicht nur papierene Unterlagen.

Rechtsabteilung als Geschäftseinheit

Wenn sich ab einer bestimmten Unternehmensgröße dann eine eigene juristische Hausabteilung doch aufdrängt, finden sich inzwischen einige Vorbilder, die aus der Not eine Tugend gemacht haben. Um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, arbeiten Syndikus & Co. als eigene unternehmerische Einheit und bieten ihre Dienste auch Dritten an. Wenn nicht gerade eine Konkurrenz- oder Abhängigkeitssituation besteht, kann es hier auch zu einer gemeinschaftlichen Nutzung durch befreundete oder benachbarte Unternehmen kommen.

Auch hier sind durchaus positive Effekte zu beobachten. Für einen Wirtschaftsjuristen ergibt sich aus einem solchen Konstrukt der motivierende Faktor von Fällen, die über den Horizont des eigenen Unternehmens hinausgehen. Umgekehrt fließen der eigenen Firma dadurch Erfahrungen und Erkenntnisse von außerhalb zu, die den Horizont erweitern und Impulse für die bestehende Strategie liefern. Gleichzeitig sichern sich die Arbeitgeber auf diese Weise das Know-how ihrer „Hausjuristen“, die sonst unter Umständen ihre Perspektiven andernorts suchen würden. Gerade in Feldern wie dem Vertragsrecht, aber auch überall dort, wo eine Weiterentwicklung des Bestehenden angesagt ist, bleibt damit auch die Kontinuität in der rechtlichen Betreuung erhalten.

Anwältinnen haben erstklassige Aufstiegschancen

Ein nicht zu vernachlässigender Nebenaspekt bei Rechtsabteilungen liegt in der Modernität ihrer Personalstruktur. Mit einer Frauenquote von insgesamt 14 Prozent auf der ersten und 20 Prozent auf der zweiten Leitungsebene unterhalb des General Counsel – in dieser Position sind bereits 6 Prozent Frauen anzutreffen – erweist sie sich, dem „Rechtsabteilungs-Report“ zufolge, als einer der wenigen Unternehmensbereiche, in dem die Forderung nach Diversity bereits großteils erfüllt ist.

Der Frauenanteil auf der ersten Leitungsebene übersteigt damit sowohl den in den Vorständen der 200 größten Unternehmen Deutschlands als auch, gemeinsam mit dem Anteil von Frauen auf der zweiten Leitungsebene, den der Führungsfrauen in ebendiesen Firmen. Damit erweist sich die Rechtsabteilung als erstklassige Ausgangsposition für das berufliche Vorankommen qualifizierter und aufstiegsorientierter Juristinnen, zumal sich hier vielfältige Ansatzpunkte für familienfreundliche Teilzeit- oder Homeoffice-Modelle ergeben.

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