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ESSAY

Schlag nach bei Weber

Expertentipps | 28.10.2015

In diesem Jahr wäre Maximilian Carl Emil Weber 150 Jahre alt geworden. Bild: Simone Weigel
In diesem Jahr wäre Maximilian Carl Emil Weber 150 Jahre alt geworden. Bild: Simone Weigel

Über die Moral lässt Max Weber nichts kommen. Für den vor über 150 Jahren geborenen Juristen, Volkswirtschaftler und Begründer der Soziologie sind Wirtschaft und Ethik untrennbar miteinander verbunden. Innerhalb dieses Rahmens aber tritt er für die Freiheit von Wettbewerb und Ideen ein. Eine Betrachtung zu einem zeitlosen und modernen Modell.

von Ulrich Pfaffenberger

Im Gegensatz zu den beliebten Kompaktphilosophen der Gegenwart sind die Bücher von Max Weber ungeeignet fürs Nachtkästchen. Es ist durch die Bank schwere Kost, die der vor 150 Jahren geborene Vater der Soziologie seinen Lesern zumutet – und das in doppeltem Sinn: Was er schreibt, beschäftigt erst einmal den Kopf, um anschließend, wenn begriffen, im Magen zu liegen. Denn seine Botschaft von der Ethik in der Wirtschaft, die am Ende gar in Moral mündet, verbietet jeden faulen Kompromiss.

Mancher, der Webers Schriften analysiert, ist überzeugt, dass ohne seinen Beitrag das Bild vom „ehrbaren Kaufmann“ nur vage und unscharf wäre. Seine Kommentare, geprägt von einer tiefsitzenden protestantischen Ethik, sind der Cayennepfeffer im Eintopf der Verhaltensregeln für anständiges Wirtschaften. „Schrankenlose Erwerbsgier ist nicht im mindesten gleich mit Kapitalismus“, formuliert er. „Kapitalismus kann geradezu identisch sein mit Bändigung, mindestens mit rationaler Temperierung dieses irrationalen Triebs.“

Indem er den Verstand, die Selbstbeherrschung und die Verantwortung aufs Podest der unternehmerischen Tugenden hob, hat Weber Maßstäbe gesetzt. Anders als Koalitionsvereinbarungen oder Quartalsberichte lässt er kein raschelndes Blattwerk zu, das die wahren Strukturen bedeckt. Seine Vorgaben sind starke Stämme und knorrige Äste.

Was Max Weber vor rund hundert Jahren unter anderem in seiner häufig, aber leider nur auszugsweise zitierten Rede vor Münchner Studenten äußerte, die unter dem Titel „Politik als Beruf“ publiziert wurde, ist, wenn man es ernst nimmt, ebenso unangenehm wie zeitlos aktuell. Auch den von ihm apostrophierten „Verführungen des Reichtums“ erlagen eben nicht nur die Industriebarone einst. Sie treiben auch die Renditeoptimierer und Schönredner, die Steuererheber und Steuerflüchtlinge von heute.

Wobei es falsch wäre, Weber als gnadenlosen Moralisten einzusortieren. Tatsächlich glaubte er in fast schon naiver Weise an die reinigenden Kräfte von Markt und Wettbewerb. Weshalb er trotz politisch gegensätzlicher Position in einer Rede vor österreichischen Offizieren 1918 zum „Kommunistischen Manifest“ befand: „Dieses Dokument ist in seiner Art, so sehr wir es in entscheidenden Thesen ablehnen (wenigstens tue ich das) eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges. Das läßt sich nicht leugnen, das darf auch nicht geleugnet werden, weil es einem niemand glaubt und weil es mit gutem Gewissen nicht geleugnet werden kann.“

Wenn unsere Gesellschaft ein bisschen etwas von dem zurückgewinnen will, was ihr Max Weber an Wegweisung auf den Weg mitgegeben hat, wäre es hilfreicher, seine Texte mit Lesehilfen zu versehen und öffentlich zu machen, als täglich aufs Neue am Steuerrecht zu feilen oder sich Beihilfen und Umlagen auszudenken. Mit den Weber‘schen Maximen von Fleiß, Bescheidenheit und der Bereitschaft zur Verantwortung ließen sich größere Fortschritte und Erfolge erzielen, die über eine Eigenschaft verfügen, die wir heute gern als leeren Begriff in die Landschaft stellen, die bei Weber aber in voller Pracht blüht, ohne genannt zu werden: Nachhaltigkeit.

Weber liefert zudem Anschauungsmaterial dafür, welche Veränderungen ein denkender und lernender Mensch innerhalb dieses Koordinatensystems durchläuft, wenn er ehrlich mit sich selbst und anderen ist. Weshalb sich heute die Linke wie die Rechte schwer damit tut, ihn zu vereinnahmen. Unabhängigkeit und Selbsterkenntnis haben ihn aus der Schublade befreit und machen die moralischen Leitplanken stark, die er gezogen hat.

Es lohnt sich auch deshalb für alle, die Welt und Wirtschaft voranbringen wollen, sich mit Weber zu befassen, weil wir manchen Begriff, den er geprägt hat, unwissentlich fast täglich im Munde führen: Objektivität und Wertfreiheit, Bürokratie und Charisma. Auch das gern und unvollständig zitierte „Politik bedeutet ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ geht auf diesen Mann zurück, der Zielstrebigkeit schätzte und Beliebigkeit verachtete. Was sich in der ebenfalls von ihm geprägten Unterscheidung zwischen Verantwortungs- und Gesinnungs-ethik ausdrückt: Es ist eben nicht so, dass Moral schon dadurch zutage tritt, dass man sie auf Transparenten vor sich herträgt. So viel Nüchternheit und so wenig Illusion – das ist in unserer Welt der bunten Bilder vielleicht schwer verkäuflich. Aber letztlich doch eine kluge Position gegenüber der allgemeinen Flüchtigkeit.

Dieser kluge Kopf hat es verdient, dass man nicht nur wegen seines 150. Geburtstags an ihn denkt.

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