Universität Würzburg

Wenn der Roboter den Segen erteilt

Würzburg | 27.12.2017

Wenn der Roboter den Segen erteilt
Foto: Gunnar Bartsch

Provokation, Blasphemie oder doch nur eine zeitgemäße Form der Religionsausübung? Kurz vor Weihnachten hat der Segensroboter Bless U-2 die Universität Würzburg besucht.

„Gott segne Dich und behüte Dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden.“ Wer hin und wieder einen Gottesdienst besucht, sollte mit dieser Segensformel vertraut sein. Umso mehr dürften regelmäßige Kirchgänger zusammenzucken, wenn im Anschluss daran die Frage folgt: „Möchten Sie den Segen ausdrucken?“. Wer dann mit „Ja“ antwortet, kann staunend verfolgen, wie sich bei seinem Gegenüber auf Bauchhöhe eine Schublade öffnet. Darin steht ein kleiner Drucker und spuckt einen Zettel aus, der stark an Quittungen erinnert, die man beim Bezahlen mit Kreditkarte erhält.

Segen in sieben Sprachen

Bless U-2 heißt der ungewöhnliche Segensspender. Knapp zwei Meter groß, ein Rumpf aus Edelstahl, zwei bewegliche Arme, ein druckempfindlicher Monitor auf Brusthöhe und ein Kopf mit der Anmutung eines Totenschädels. Sechs Sprachen spricht Bless U-2 – von Deutsch über Polnisch bis Hessisch. Wer auf seine Fragen hin Antworten aus einem vorgegebenen Menü auswählt, erhält einen Segensspruch, der per Zufallsgenerator aus einer Reihe eingespeicherter Vorgaben ausgewählt wurde. Dabei erhebt der Roboter seine Arme und lässt in seinen Händen ein himmlisches Licht erstrahlen.

Am Montag, 18. Dezember, war Bless U-2 zusammen mit seinem Erfinder, dem Pfarrer und Künstler Dr. Fabian Vogt, zu Gast an der Universität Würzburg. In einem interaktiven Workshop hatten Studierende der Religionspädagogik zwei Stunden lang die Gelegenheit, den Roboter näher kennen zu lernen und – natürlich – sich segnen zu lassen.

Interdisziplinäres Interesse

Wie die Studierenden auf das ungewöhnliche Zusammentreffen reagierten, war für Vertreter zweier äußerst unterschiedlicher Fachrichtungen von Interesse: Auf der einen Seite die Professorin Ilona Nord, Inhaberin des Lehrstuhls für Evangelische Theologie II mit dem Schwerpunkt auf Religionspädagogik und der Didaktik des Religionsunterrichts, die den Workshop im Rahmen ihrer Vorlesung „Einführung in die Religionspädagogik“ organisiert hatte. Auf der anderen Seite Dr. Diana Löffler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologische Ergonomie und damit Teil des Instituts Mensch-Computer-Medien, das an Fragen rund um die Interaktion von Mensch und Technik forscht.

Extreme Provokation

„Der Einsatz von Medien und die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags sind Themen, die auch Religionen und religiöse Kommunikationen betreffen“, erklärt Ilona Nord den Hintergrund des ungewöhnlichen Seminars. Tablets im Religionsunterricht, tägliche Glaubensbotschaften auf Twitter, Whatsapp in der Gemeindearbeit: Solche und viele weitere digitale Kommunikationswege würden heutzutage von den meisten Konfessionen genutzt, ohne dass sich daran Kritik entzündet. Das sei im Fall des Segensroboters anders: „Ein Roboter provoziert extrem und wirft damit gleichzeitig viele Fragen auf“, erklärt die Professorin. Das beginne bei der Frage, ob eine Maschine tatsächlich einen wirksamen Segen aussprechen könne, und ende bei der Sorge, dass damit in Zukunft Pfarrer überflüssig werden könnten.

Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine

Welche Möglichkeiten und Grenzen es in der Digitalisierung von Religion gibt; wer segnen darf und welche Aufgaben von einem Roboter übernommen werden können; was solche Entwicklungen für Glauben und Kirche bedeuten: Diese Fragen findet auch Diana Löffler spannend. Die Diskussion, die sich daraus ergibt, verfolgt sie allerdings noch unter einem anderen Gesichtspunkt: „Es geht dabei immer auch um die Grenzen zwischen Mensch und Maschine und die Frage, wie weit die Ähnlichkeit gehen darf“, erklärt sie.

Ein Schätzchen zum Kontrast

Um das näher zu untersuchen, haben Löffler und ihr Team einen zweiten Roboter in den Hörsaal am Wittelsbacherplatz mitgebracht. „QT“ ist das, was sein Name verspricht: ein Cutie – auf Deutsch also ein Süßer, ein Hübscher, ein Schätzchen. Knapp 50 Zentimeter groß und deutlich runder und knuddeliger als Bless U-2, appelliert QT ans Kindchenschema und zaubert seinem Gegenüber quasi automatisch ein Lächeln ins Gesicht – anders als sein „großer Bruder“, der zunächst eher Furcht einflößend wirkt.

Diana Löffler untersucht, wie unterschiedlich die Studierenden auf die beiden Roboter reagieren. Per Fragebogen erforscht sie, welche Emotionen die beiden Varianten hervorrufen und welcher von ihnen den Segen überzeugender ausspricht. Schließlich ist eines der Ziele von Löfflers Arbeit, die Interaktion von Mensch und Maschine zu perfektionieren.

Weltweites Interesse an dem Roboter

Wenn man ihn fragt, wie er auf die Idee kam, einen Segensroboter zu bauen, verweist BlessU2-Erfinder Dr. Fabian Vogt auf seinen 13-jährigen Sohn. „Ich wollte von ihm wissen, wie ich die Themen Digitalisierung, Maschinen und Kirche unter einen Hut bringen könnte“, erklärt der Pfarrer der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Der habe ihm spontan geantwortet: „Bau einen Roboter, der segnen kann!“

Auf der Weltausstellung in Wittenberg anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 hatte Bless U-2 seinen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit – mit durchschlagendem Erfolg. Kein anderes Ausstellungsstück sei auf so großes mediales Interesse weltweit gestoßen wie der Roboter mit den segnenden Armen, berichtet Vogt. Damit habe er sein wichtigstes Ziel erreicht: „Bless U-2 ist ein Kunstwerk, das zum Nachdenken anregen und eine Diskussion in Sachen Digitalisierung auslösen soll“, so der Erfinder.

Komische Gefühle – aber nicht religiös

Auch im Hörsaal der Uni Würzburg ist ihm dies geglückt. „Das fühlt sich echt komisch an. Gesegnet fühle ich mich aber nicht“, sagt Anne Hebecker nach ihrer Begegnung mit Bless U-2. Wie ihre Kommilitonin Leila Noll studiert sie Lehramt für die Grundschule mit Religion als Didaktikfach. Leila Noll hingegen hat das Zusammentreffen mit den Segensrobotern beeindruckt. „Der Kleine ist sehr kindlich, der Große ist eindrucksvoller“, sagt sie. Der Segensspruch habe bei ihr auf alle Fälle etwas hinterlassen – religiös sei dies Gefühl allerdings nicht, so die Studentin.

„Und wie sieht die Zukunft in Sachen Religion und Kommunikation aus? Auf jeden Fall wird auch religiös sehr viel digitalisiert kommuniziert werden, ist Ilona Nord überzeugt. „Mir ging es mit Bless U-2 in der Vorlesung eigentlich weniger darum, zu provozieren oder Grenzen zu überschreiten. Aber manchmal muss man irritieren, das regt an zum Weiterzudenken. Und ganz grundsätzlich: Ich interessiere mich dafür, welche Vorteile digitalisierte religiöse Kommunikationen für Menschen haben können. Wie man Technik so einsetzen kann, dass sie Menschen dient, auch in Sachen Religion“, so die Professorin.

 

Bildunterschrift:

Der Roboter segne Dich … Bless U-2 während seines Auftritts an der Uni Würzburg.

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