Interview mit Verena Müller-Drilling, Geschäftsführerin von Müller Feinblechbautechnik

"Man muss heutzutage echt kreativ sein, um überhaupt Auszubildende zu bekommen"

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres sind in Unterfranken zahlreichen Stellen unbesetzt geblieben. Wie schwierig die Suche nach Nachwuchs für Unternehmen in der Region mittlerweile  geworden ist, hat auch Verena Müller-Drilling erlebt. Die Geschäftsführerin von Müller Feinblechbautechnik aus Frammersbach (Kreis Main-Spessart) erzählt im Interview mit B4B WIRTSCHAFTSLEBEN MAINFRANKEN, welche Maßnahmen ihr Unternehmen bei der Azubisuche ergreift und welche Zugeständnisse bei der Suche nach geeigneten Kandidaten nötig sind.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN MAINFRANKEN: Das neue Ausbildungsjahr ist ja vor einigen Wochen losgegangen – konnten Sie denn alle Ausbildungsplätze in Ihrem Unternehmen besetzen?

Verena Müller-Drilling: Leider nicht. Wir haben zwei Ausbildungsberufe bei uns im Haus. Das ist einmal der technische Produktdesigner, ein momentan ziemlich begehrter Ausbildungsberuf. Dort haben wir zwei Auszubildende eingestellt, angesichts der vielen guten Bewerbungen hätten wir aber auch drei oder vier einstellen können. Der andere Ausbildungsberuf ist der Konstruktionsmechaniker Feinblechbautechnik, da haben wir mit Ach und Krach zwei Leute gefunden. Außerdem haben wir in dem Bereich noch einen jungen Geflüchteten eingestellt, der jetzt eine Einstiegsqualifizierung gemacht hat und in die Ausbildung übernommen wurde. Man muss heute schon echt kreativ sein, um überhaupt die Auszubildenden zu bekommen. Auf dem normalen Weg, sprich mit Real- oder Mittelschülern, die sich schon im letzten Herbst vertraglich gebunden haben, ging in diesem Jahr nichts.

Waren diese Schwierigkeiten denn eine Ausnahme oder doch schon eher die Regel?

Das ist wirklich ein Trend und dieser zeichnet sich schon seit Jahren ab. Begonnen hat es bereits vor rund sieben, acht Jahren damit, dass wir zwar noch genug Auszubildende bekommen haben, aber schon nicht mehr in der gewünschten Qualität. In der Ausbildung hat sich dann die Spreu vom Weizen getrennt, so dass am Ende vielleicht noch einer von vier Azubis übrig war, den man dann übernehmen konnte. Der Trend hat sich dann so fortgesetzt, dass irgendwann auch weniger Bewerbungen gekommen sind. Eigentlich machen wir die Ausbildungsplatzvergabe für das nächste Jahr schon immer vor Weihnachten per Handschlag fest, aber das war in diesem Jahr schwierig. Wir haben beispielsweise einen jungen Mann nur bekommen, weil er über das Projekt „Jugend- und Schülerwerkstatt Main-Spessart“ bereits als Praktikant bei uns gewesen ist. Den Vertrag haben wir erst in der zweiten Augusthälfte unterschrieben. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wird das bedeuten, dass wir nächstes Jahr wahrscheinlich wirklich niemanden bekommen. 

 

Viele Unternehmen beklagen ja mittlerweile beim Thema Auszubildende nicht nur einen Rückgang der Quantität, sondern auch der Qualität. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ja, auf jeden Fall. Abgesehen davon, dass die Auszubildenden teilweise die schulischen Kenntnisse nicht mitbringen, fehlt es ihnen auch an Tugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Anstand oder Respekt vor den Vorgesetzten. Das hat zur Folge, dass wir einen Erziehungsauftrag wahrnehmen müssen, den wir eigentlich gar nicht haben.

Was ist denn Ihrer Meinung die Ursache für diese Entwicklung?

Der demografische Wandel spielt dabei sicher eine Rolle. Es gibt einfach weniger Jugendliche, welche die Schule beenden und eine Ausbildung machen könnten. Außerdem haben wir fast schon einen Akademisierungswahn. Jeder halbwegs Begabte meint heutzutage, ein Studium absolvieren zu müssen. Einen Handwerksberuf zu erlernen scheint dagegen mittlerweile sehr wenig Prestige zu haben. Das ist sehr schade, diesen Trend bedauere ich sehr. Ich bekomme gerade für die Ausbildung zum technischen Produktdesigner viele Bewerbungen, bei denen ich heraushöre, dass die Bewerber das nur als Sprungbrett für ein Studium oder als Überbrückung sehen. Die Zahl der Leute, die ihre berufliche Zukunft wirklich im Handwerk beziehungsweise in der Produktion sehen, ist hingegen verschwindend gering.

Sehen Sie denn die Lage Ihres Unternehmens im ländlichen Raum als zusätzlichen Nachteil bei der Suche nach Nachwuchskräften?

Für uns ist das tatsächlich sogar ein Vorteil. Natürlich hat ein Unternehmen in einer Großstadt wie Würzburg viel mehr potenzielle Bewerber, aber eben auch viel mehr potenzielle Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Bei uns in Frammersbach ist die Situation dagegen relativ überschaubar. Da wir hauptsächlich gewerblich-technische Mitarbeiter und Kaufleute einstellen und nur sehr wenige Akademiker, können wir unsere Fachkräfte und Azubis aus Frammersbach und einem Radius von 20 bis 30 Kilometer außen herum rekrutieren. Es ist tatsächlich so, dass Azubis lieber zu uns kommen, als eine halbe Stunde mit Bus oder Bahn woanders hinfahren zu müssen. Das Problem ist also nicht, dass wir Auszubildende an die Konkurrenz verlieren, sondern dass wir von vorneherein zu wenige davon haben.

Haben Sie denn in den vergangenen Jahren zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um junge Leute anzusprechen und für eine Ausbildung in Ihrem Unternehmen zu gewinnen?

Wir haben ganz pragmatische Maßnahmen ergriffen. Wir laden immer die achte und neunte Klasse der Mittelschule Frammersbach zur Betriebsbesichtigung ein und sind auch im regelmäßigen Austausch mit den Lehrern dort. Daneben machen wir immer Werbung für Ferienjobs bei uns und bieten Praktikumsplätze an, die auch gerne angenommen werden. Viel läuft auch über Sponsoring in Vereinen – es gibt hier zahlreiche Jugendmannschaften, die Müller-Trikots tragen. Und das auch mit Stolz, soweit ich weiß. Sowas macht sich auch immer gut.  Außerdem haben wir jetzt wie erwähnt auch erstmals an der Schüler- und Jugendwerkstatt Main-Spessart teilgenommen. Gerne würden wir uns auch auf den Berufsinformationstagen des Landkreises Main-Spessart präsentieren. Dort darf allerdings jeder Ausbildungsberuf nur von einem Unternehmen repräsentiert werden, so dass wir von vorneherein keine Chance haben, da rein zu kommen. Das finde ich sehr bedauerlich, denn dadurch würden wir auch an die Schulen in Gemünden, Karlstadt und Lohr besser rankommen.

Haben Sie auch in Betracht gezogen, die Anforderungen an potenzielle Bewerber zu senken, um so den Kandidatenkreis zu erweitern?

Wir stellen heute bereits Bewerber ein, die wir vor zehn Jahren noch nicht genommen hätten. Wir haben beispielsweise zwei Geflüchtete, die zu Beginn ihrer Ausbildung nicht gut Deutsch konnten. Wir wussten, dass wir viel Aufwand leisten müssen, damit sie durchkommen. Dazu sind wir aber auch in jedem Fall bereit. Vor ein paar Jahren hätten wir das aber wahrscheinlich noch nicht gemacht. Daneben sind wir auch bereit, mehrere förderbedürftige Jugendliche von der Jugend- und Schülerwerkstatt Main-Spessart als Auszubildende einzustellen. Auch wenn wir wissen, dass das schwierig wird und sie keine Einser-Schüler sein werden.

Welche Maßnahmen müsste Ihrer Meinung nach denn die Politik zur Linderung des Azubi-Mangels ergreifen?

Das mag jetzt böse klingen, aber die Politik sollte die Anforderungen in der Schule erhöhen, damit nicht mehr so viele Schüler einen höheren Abschluss erlangen. Wenn dort wieder stärker selektiert wird, werden auch wieder mehr Leute in der Fertigung und im Handwerk ihre berufliche Heimat finden. Das mag hart sein und auch nicht dem entsprechen, was man unter freier Marktwirtschaft versteht, aber eine andere Möglichkeit sehe ich wirklich nicht. Grundsätzlich begrüße ich zwar, dass das bayerische Bildungssystem durchlässiger geworden ist. Aber dass jeder einen Hochschulabschluss machen kann, halte ich für nicht zielführend.

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B4B WIRTSCHAFTSLEBEN MAINFRANKEN: Das neue Ausbildungsjahr ist ja vor einigen Wochen losgegangen – konnten Sie denn alle Ausbildungsplätze in Ihrem Unternehmen besetzen?

Verena Müller-Drilling: Leider nicht. Wir haben zwei Ausbildungsberufe bei uns im Haus. Das ist einmal der technische Produktdesigner, ein momentan ziemlich begehrter Ausbildungsberuf. Dort haben wir zwei Auszubildende eingestellt, angesichts der vielen guten Bewerbungen hätten wir aber auch drei oder vier einstellen können. Der andere Ausbildungsberuf ist der Konstruktionsmechaniker Feinblechbautechnik, da haben wir mit Ach und Krach zwei Leute gefunden. Außerdem haben wir in dem Bereich noch einen jungen Geflüchteten eingestellt, der jetzt eine Einstiegsqualifizierung gemacht hat und in die Ausbildung übernommen wurde. Man muss heute schon echt kreativ sein, um überhaupt die Auszubildenden zu bekommen. Auf dem normalen Weg, sprich mit Real- oder Mittelschülern, die sich schon im letzten Herbst vertraglich gebunden haben, ging in diesem Jahr nichts.

Waren diese Schwierigkeiten denn eine Ausnahme oder doch schon eher die Regel?

Das ist wirklich ein Trend und dieser zeichnet sich schon seit Jahren ab. Begonnen hat es bereits vor rund sieben, acht Jahren damit, dass wir zwar noch genug Auszubildende bekommen haben, aber schon nicht mehr in der gewünschten Qualität. In der Ausbildung hat sich dann die Spreu vom Weizen getrennt, so dass am Ende vielleicht noch einer von vier Azubis übrig war, den man dann übernehmen konnte. Der Trend hat sich dann so fortgesetzt, dass irgendwann auch weniger Bewerbungen gekommen sind. Eigentlich machen wir die Ausbildungsplatzvergabe für das nächste Jahr schon immer vor Weihnachten per Handschlag fest, aber das war in diesem Jahr schwierig. Wir haben beispielsweise einen jungen Mann nur bekommen, weil er über das Projekt „Jugend- und Schülerwerkstatt Main-Spessart“ bereits als Praktikant bei uns gewesen ist. Den Vertrag haben wir erst in der zweiten Augusthälfte unterschrieben. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wird das bedeuten, dass wir nächstes Jahr wahrscheinlich wirklich niemanden bekommen. 

 

Viele Unternehmen beklagen ja mittlerweile beim Thema Auszubildende nicht nur einen Rückgang der Quantität, sondern auch der Qualität. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ja, auf jeden Fall. Abgesehen davon, dass die Auszubildenden teilweise die schulischen Kenntnisse nicht mitbringen, fehlt es ihnen auch an Tugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Anstand oder Respekt vor den Vorgesetzten. Das hat zur Folge, dass wir einen Erziehungsauftrag wahrnehmen müssen, den wir eigentlich gar nicht haben.

Was ist denn Ihrer Meinung die Ursache für diese Entwicklung?

Der demografische Wandel spielt dabei sicher eine Rolle. Es gibt einfach weniger Jugendliche, welche die Schule beenden und eine Ausbildung machen könnten. Außerdem haben wir fast schon einen Akademisierungswahn. Jeder halbwegs Begabte meint heutzutage, ein Studium absolvieren zu müssen. Einen Handwerksberuf zu erlernen scheint dagegen mittlerweile sehr wenig Prestige zu haben. Das ist sehr schade, diesen Trend bedauere ich sehr. Ich bekomme gerade für die Ausbildung zum technischen Produktdesigner viele Bewerbungen, bei denen ich heraushöre, dass die Bewerber das nur als Sprungbrett für ein Studium oder als Überbrückung sehen. Die Zahl der Leute, die ihre berufliche Zukunft wirklich im Handwerk beziehungsweise in der Produktion sehen, ist hingegen verschwindend gering.

Sehen Sie denn die Lage Ihres Unternehmens im ländlichen Raum als zusätzlichen Nachteil bei der Suche nach Nachwuchskräften?

Für uns ist das tatsächlich sogar ein Vorteil. Natürlich hat ein Unternehmen in einer Großstadt wie Würzburg viel mehr potenzielle Bewerber, aber eben auch viel mehr potenzielle Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Bei uns in Frammersbach ist die Situation dagegen relativ überschaubar. Da wir hauptsächlich gewerblich-technische Mitarbeiter und Kaufleute einstellen und nur sehr wenige Akademiker, können wir unsere Fachkräfte und Azubis aus Frammersbach und einem Radius von 20 bis 30 Kilometer außen herum rekrutieren. Es ist tatsächlich so, dass Azubis lieber zu uns kommen, als eine halbe Stunde mit Bus oder Bahn woanders hinfahren zu müssen. Das Problem ist also nicht, dass wir Auszubildende an die Konkurrenz verlieren, sondern dass wir von vorneherein zu wenige davon haben.

Haben Sie denn in den vergangenen Jahren zusätzliche Maßnahmen ergriffen, um junge Leute anzusprechen und für eine Ausbildung in Ihrem Unternehmen zu gewinnen?

Wir haben ganz pragmatische Maßnahmen ergriffen. Wir laden immer die achte und neunte Klasse der Mittelschule Frammersbach zur Betriebsbesichtigung ein und sind auch im regelmäßigen Austausch mit den Lehrern dort. Daneben machen wir immer Werbung für Ferienjobs bei uns und bieten Praktikumsplätze an, die auch gerne angenommen werden. Viel läuft auch über Sponsoring in Vereinen – es gibt hier zahlreiche Jugendmannschaften, die Müller-Trikots tragen. Und das auch mit Stolz, soweit ich weiß. Sowas macht sich auch immer gut.  Außerdem haben wir jetzt wie erwähnt auch erstmals an der Schüler- und Jugendwerkstatt Main-Spessart teilgenommen. Gerne würden wir uns auch auf den Berufsinformationstagen des Landkreises Main-Spessart präsentieren. Dort darf allerdings jeder Ausbildungsberuf nur von einem Unternehmen repräsentiert werden, so dass wir von vorneherein keine Chance haben, da rein zu kommen. Das finde ich sehr bedauerlich, denn dadurch würden wir auch an die Schulen in Gemünden, Karlstadt und Lohr besser rankommen.

Haben Sie auch in Betracht gezogen, die Anforderungen an potenzielle Bewerber zu senken, um so den Kandidatenkreis zu erweitern?

Wir stellen heute bereits Bewerber ein, die wir vor zehn Jahren noch nicht genommen hätten. Wir haben beispielsweise zwei Geflüchtete, die zu Beginn ihrer Ausbildung nicht gut Deutsch konnten. Wir wussten, dass wir viel Aufwand leisten müssen, damit sie durchkommen. Dazu sind wir aber auch in jedem Fall bereit. Vor ein paar Jahren hätten wir das aber wahrscheinlich noch nicht gemacht. Daneben sind wir auch bereit, mehrere förderbedürftige Jugendliche von der Jugend- und Schülerwerkstatt Main-Spessart als Auszubildende einzustellen. Auch wenn wir wissen, dass das schwierig wird und sie keine Einser-Schüler sein werden.

Welche Maßnahmen müsste Ihrer Meinung nach denn die Politik zur Linderung des Azubi-Mangels ergreifen?

Das mag jetzt böse klingen, aber die Politik sollte die Anforderungen in der Schule erhöhen, damit nicht mehr so viele Schüler einen höheren Abschluss erlangen. Wenn dort wieder stärker selektiert wird, werden auch wieder mehr Leute in der Fertigung und im Handwerk ihre berufliche Heimat finden. Das mag hart sein und auch nicht dem entsprechen, was man unter freier Marktwirtschaft versteht, aber eine andere Möglichkeit sehe ich wirklich nicht. Grundsätzlich begrüße ich zwar, dass das bayerische Bildungssystem durchlässiger geworden ist. Aber dass jeder einen Hochschulabschluss machen kann, halte ich für nicht zielführend.

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