40 Regionen besonders abhängig vom Verbrenner

Schweinfurt hängt am Auto-Tropf wie kaum ein anderer Standort

Die deutsche Automobilbranche steht vor großen Herausforderungen. 40 von 401 Kreisen und kreisfreien Städten müssen sich schnell wandeln, um ihre Prägung vom traditionellen Verbrennungsmotor zu überwinden. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Ganz vorn mit dabei unter den gefährdeten Standorten ist der Wirtschaftsraum Schweinfurt und Haßberge.

Die Analyse im Papier des IW Köln ist knallhart: "Die Regionen mit den meisten vom Wandel betroffenen Beschäftigten, die gleichzeitig zu den bedeutendsten Regionen für die Automobilwirtschaft zählen, sind Stuttgart, der Regionalverband Saarbrücken und Schweinfurt. Während Stuttgart maßgeblich von Daimler, Bosch und Porsche und Schweinfurt von den großen Automobilzulieferern ZF Friedrichshafen, Bosch und Schaeffler geprägt sind, ist der Regionalverband Saarbrücken nicht von wenigen großen Unternehmen dominiert, sondern (neben Ford) von mehreren kleineren bzw. Tochterfirmen größerer Zulieferer. Damit sind auch die Voraussetzungen für den Wandel unterschiedlich ausgeprägt. Während große Konzerne strategisch signifikante Budgets in die Gestaltung der automobilen Transformation investieren, liegt der Fokus bei kleineren Unternehmen in der Regel weniger auf systematischer Forschung, Entwicklung und Innovation. Deswegen haben kleine Unternehmen größere Schwierigkeiten, radikale Transformationen zu bewältigen."

Schweinfurt messerscharf analysiert

WIe stark der Raum Schweinfurt vom Auto abhängig ist, zeigen diese IW-Zahlen: "In Ingolstadt hängen 73 Prozent der Bruttowertschöpfung an der Automobilwirtschaft. Im Landkreis Dingolfing-Landau liegt der Anteil mit 59,8 Prozent nicht ganz so hoch. In Schweinfurt sind 44,5 Prozent der Bruttowertschöpfung auf die Automobilindustrie zurückzuführen. In Pforzheim sind es hingegen lediglich 7,8 Prozent."

Wo sich die Studie im Detail mit den Qualitäten und Risiken der Kugellager.Stadt befasst, heißt es: "Die Stadt Schweinfurt ist die Region mit dem höchsten Beschäftigungsanteil am traditionellen Antriebsstrang. Die regionalökonomischen Standortvoraussetzungen der Region sind jedoch mit Ausnahme des Sozialindex (Rang 23) positiv zu bewerten. Die Schwächen liegen hier in wenigen naturnahen Flächen und eine am Bundesdurchschnitt gemessene unterdurchschnittliche Kita-Quote für die unter Dreijährigen. Im Gesamtindex erreicht die Stadt Rang 7. Sie verdankt das u. a. einer hohen gemeindlichen Steuerkraft und einem attraktiven Gewerbesteuerhebesatz."

Radikaler Wandel

Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hatten die Kölner Wissenschaftler unter die Lupfe genommen, welche Auswirkungen es für Wirtschaftsstandorte im Lande hat, wie ihre regionalen Automobil-Netzwerke gestrickt sind. Hintergrund: Die Dekarbonisierung rüttle an den Grundfesten der dominierenden Industrie in Deutschland. Zusammen mit dem digitalen Wandel würde dadurch die Automobilwirtschaft in den kommenden Jahren stark verändert. Das IW macht deutlich, wie groß der Druck ist und verweist auf die noch frische Entscheidung der EU entschieden, dass ab 2035 keine Verbrenner mehr auf Europas Straßen zugelassen werden dürfen. Die Analyse des Enberichts, der seit gestern der Öffentlichkeit zugänglich ist: "Für die Branche mit ihren rund 3,26 Millionen Beschäftigten in Deutschland bedeutet das: radikalen Wandel. In einer neuen Studie hat die IW-Tochterfirma IW Consult im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium 40 von 401 Kreisen und kreisfreien Städten identifiziert, die besonders stark von dem Wandel betroffen sein werden."

Verbrenner ade

Die Wirtschaft in den 40 Regionen konzentriert sich größtenteils auf den konventionellen Antriebsstrang einschließlich aller daran hängenden Komponenten wie zum Beispiel der Abgasreinigung. Von den knapp 260.000 Beschäftigten in diesem Bereich arbeiten allein in den 40 besonders betroffenen Regionen etwa 140.000 Menschen, also rund die Hälfte. "Gerade in Schweinfurt, Salzgitter, Bamberg und dem Saarpfalz-Kreis wird das deutlich", stellt das IW fest: Hier arbeitet mehr als jeder zehnte Beschäftigte in diesem Segment. "Bis heute ist der Verbrenner für diese Regionen vor allem ein Motor für Wachstum und Wohlstand, gemessen an Produktivität und der Arbeitslosenquote schneiden die 40 Kreise besser ab als der Durchschnitt." Während die Transformation für die Verbrenner-Regionen besonders schwierig werde, dürfte sie etwa Ingolstadt, Wolfsburg und dem Bodenseekreis leichter fallen. Diese drei Kreise beschäftigen sich schon heute viel mit Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung. 

Politik muss aktiv werden

Damit die deutsche Automobilwirtschaft nicht den Anschluss verliert, müssen die richtigen Weichen für die Zukunft gestellt werden. Unter anderem müssen sich die Beschäftigten aus- und weiterbilden. Standortfaktoren gilt es zu verbessern, um den ansässigen Unternehmen unter die Arme zu greifen. Aber auch untereinander können sich die 40 Kreise unterstützen. „Wenn die Regionen ihre Kräfte bündeln und miteinander kooperieren, können die Herausforderungen besser gemeistert werden“, sagt Studienautor Hanno Kempermann. „Unsere Studie hat deutlich gezeigt, dass es unter den 40 Kreisen Regionen gibt, die vor sehr ähnlichen Problemen stehen. Gemeinsame Forschung oder der bloße Austausch von Erfahrungen schaffen Synergien.“ 

Die komplette Studie des IW Köln ist über diesen Link downloadbar. (PDF)

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40 Regionen besonders abhängig vom Verbrenner

Schweinfurt hängt am Auto-Tropf wie kaum ein anderer Standort

Die deutsche Automobilbranche steht vor großen Herausforderungen. 40 von 401 Kreisen und kreisfreien Städten müssen sich schnell wandeln, um ihre Prägung vom traditionellen Verbrennungsmotor zu überwinden. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Ganz vorn mit dabei unter den gefährdeten Standorten ist der Wirtschaftsraum Schweinfurt und Haßberge.

Die Analyse im Papier des IW Köln ist knallhart: "Die Regionen mit den meisten vom Wandel betroffenen Beschäftigten, die gleichzeitig zu den bedeutendsten Regionen für die Automobilwirtschaft zählen, sind Stuttgart, der Regionalverband Saarbrücken und Schweinfurt. Während Stuttgart maßgeblich von Daimler, Bosch und Porsche und Schweinfurt von den großen Automobilzulieferern ZF Friedrichshafen, Bosch und Schaeffler geprägt sind, ist der Regionalverband Saarbrücken nicht von wenigen großen Unternehmen dominiert, sondern (neben Ford) von mehreren kleineren bzw. Tochterfirmen größerer Zulieferer. Damit sind auch die Voraussetzungen für den Wandel unterschiedlich ausgeprägt. Während große Konzerne strategisch signifikante Budgets in die Gestaltung der automobilen Transformation investieren, liegt der Fokus bei kleineren Unternehmen in der Regel weniger auf systematischer Forschung, Entwicklung und Innovation. Deswegen haben kleine Unternehmen größere Schwierigkeiten, radikale Transformationen zu bewältigen."

Schweinfurt messerscharf analysiert

WIe stark der Raum Schweinfurt vom Auto abhängig ist, zeigen diese IW-Zahlen: "In Ingolstadt hängen 73 Prozent der Bruttowertschöpfung an der Automobilwirtschaft. Im Landkreis Dingolfing-Landau liegt der Anteil mit 59,8 Prozent nicht ganz so hoch. In Schweinfurt sind 44,5 Prozent der Bruttowertschöpfung auf die Automobilindustrie zurückzuführen. In Pforzheim sind es hingegen lediglich 7,8 Prozent."

Wo sich die Studie im Detail mit den Qualitäten und Risiken der Kugellager.Stadt befasst, heißt es: "Die Stadt Schweinfurt ist die Region mit dem höchsten Beschäftigungsanteil am traditionellen Antriebsstrang. Die regionalökonomischen Standortvoraussetzungen der Region sind jedoch mit Ausnahme des Sozialindex (Rang 23) positiv zu bewerten. Die Schwächen liegen hier in wenigen naturnahen Flächen und eine am Bundesdurchschnitt gemessene unterdurchschnittliche Kita-Quote für die unter Dreijährigen. Im Gesamtindex erreicht die Stadt Rang 7. Sie verdankt das u. a. einer hohen gemeindlichen Steuerkraft und einem attraktiven Gewerbesteuerhebesatz."

Radikaler Wandel

Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hatten die Kölner Wissenschaftler unter die Lupfe genommen, welche Auswirkungen es für Wirtschaftsstandorte im Lande hat, wie ihre regionalen Automobil-Netzwerke gestrickt sind. Hintergrund: Die Dekarbonisierung rüttle an den Grundfesten der dominierenden Industrie in Deutschland. Zusammen mit dem digitalen Wandel würde dadurch die Automobilwirtschaft in den kommenden Jahren stark verändert. Das IW macht deutlich, wie groß der Druck ist und verweist auf die noch frische Entscheidung der EU entschieden, dass ab 2035 keine Verbrenner mehr auf Europas Straßen zugelassen werden dürfen. Die Analyse des Enberichts, der seit gestern der Öffentlichkeit zugänglich ist: "Für die Branche mit ihren rund 3,26 Millionen Beschäftigten in Deutschland bedeutet das: radikalen Wandel. In einer neuen Studie hat die IW-Tochterfirma IW Consult im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium 40 von 401 Kreisen und kreisfreien Städten identifiziert, die besonders stark von dem Wandel betroffen sein werden."

Verbrenner ade

Die Wirtschaft in den 40 Regionen konzentriert sich größtenteils auf den konventionellen Antriebsstrang einschließlich aller daran hängenden Komponenten wie zum Beispiel der Abgasreinigung. Von den knapp 260.000 Beschäftigten in diesem Bereich arbeiten allein in den 40 besonders betroffenen Regionen etwa 140.000 Menschen, also rund die Hälfte. "Gerade in Schweinfurt, Salzgitter, Bamberg und dem Saarpfalz-Kreis wird das deutlich", stellt das IW fest: Hier arbeitet mehr als jeder zehnte Beschäftigte in diesem Segment. "Bis heute ist der Verbrenner für diese Regionen vor allem ein Motor für Wachstum und Wohlstand, gemessen an Produktivität und der Arbeitslosenquote schneiden die 40 Kreise besser ab als der Durchschnitt." Während die Transformation für die Verbrenner-Regionen besonders schwierig werde, dürfte sie etwa Ingolstadt, Wolfsburg und dem Bodenseekreis leichter fallen. Diese drei Kreise beschäftigen sich schon heute viel mit Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung. 

Politik muss aktiv werden

Damit die deutsche Automobilwirtschaft nicht den Anschluss verliert, müssen die richtigen Weichen für die Zukunft gestellt werden. Unter anderem müssen sich die Beschäftigten aus- und weiterbilden. Standortfaktoren gilt es zu verbessern, um den ansässigen Unternehmen unter die Arme zu greifen. Aber auch untereinander können sich die 40 Kreise unterstützen. „Wenn die Regionen ihre Kräfte bündeln und miteinander kooperieren, können die Herausforderungen besser gemeistert werden“, sagt Studienautor Hanno Kempermann. „Unsere Studie hat deutlich gezeigt, dass es unter den 40 Kreisen Regionen gibt, die vor sehr ähnlichen Problemen stehen. Gemeinsame Forschung oder der bloße Austausch von Erfahrungen schaffen Synergien.“ 

Die komplette Studie des IW Köln ist über diesen Link downloadbar. (PDF)

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