Die hohe Kunst der Feinfühligkeit

22. Fachtagung „Ziele, Wege, Stolpersteine“ bricht bisherigen Teilnahmerekord

Erzieherinnen müssen imstande sein, tagtäglich mit den unterschiedlichsten Menschen zu kommunizieren. Mit Kindern. Eltern. Kolleginnen. „Das stellt eine immer größere Herausforderung dar“, erklärte der Würzburger Kinderarzt Prof. Dr. Michael Straßburg zum Auftakt der 22. Fachtagung „Ziele, Wege, Stolpersteine“ in Veitshöchheim. Mit seiner Verabschiedung als Moderator und Berater eine Ära der Fachtagungen, die er entscheidend mitgeprägt hatte. Die Veranstaltung wurde vom Landratsamt Würzburg – Gesundheitsamt und Jugendamt – organisiert.

Heute werden bereits Zweijährige betreut. Nicht wenige Eltern haben einen Migrationshintergrund. Und immer mehr Kinder mit Handicap sind in den Gruppen integriert. Überdies wissen Erzieherinnen heute um die große Bedeutung eines feinfühligen Umgangs mit Kindern. „All das führt zu Verunsicherungen“, konstatierte Straßburg. Wie groß der Bedarf nach Austausch zum Thema „Kommunikation“ ist, zeigte die Rekordbeteiligung an der Fachtagung: Rund 600 Erzieherinnen und Erzieher nahmen an der Fortbildung in den Mainfrankensälen teil. 

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Die Macht der Sprache

Sprache kann zerstörerisch wirken. Sie kann aber auch aufbauen. Das zeigten Heike Brandl, Heilpädagogin aus Lohr am Main, und Gudrun Dausacker, Schulleiterin aus Thüngersheim. Die beiden Frauen sind Spezialistinnen für die Methode „Lingva eterna“. Die sensibilisiert für den eigenen Wortschatz und lehrt, sprachlich wertschätzend mit anderen Menschen umzugehen. Drei „A“ stehen im Zentrum des Konzepts: Ansprache, Anschauen, Atemzug. Das Gegenüber sollte demnach immer namentlich angesprochen und bewusst angeschaut werden, zwischen der Namensnennung und dem folgenden Satzteil sollte der Sprecher eine Pause von einem Atemzug einlegen.

„Lingva eterna“ zu lernen, erscheint schwierig, ist jedoch reine Übungssache, betonten Brandl und Dausacker. Im ersten Schritt geht es darum, sich eingeschlichener Kommunikationsfehler bewusst zu werden. Das gilt den Pädagoginnen zufolge insbesondere für Floskeln wie „schnell“ oder „muss“. „Ich schreib noch schnell die Mail fertig ...“. Wer solche Sätze häufig sagt, signalisiere dem Umfeld ein permanentes Gehetztsein. Auch die Aussage, dass man nach der Arbeit noch einkaufen „muss“, ist aus „Lingva eterna“-Sicht keine gute Art, zu kommunizieren. Hierbei schwinge mit, dass das, was zu tun ist, nur gezwungenermaßen erledigt wird.

„Good enough“ statt „perfekt“

Alle kritischen Wörter abzuschaffen, die das eigene Vokabular belasten, erscheint als unlösbare Mammutaufgabe. „Doch wir müssen nicht perfekt sein“, betonte Julia

Berkic vom Staatsinstitut für Frühpädagogik. „‚Good enough’ ist das neue ‚perfekt’“, lautet ihr Credo zur Prävention von Burnout in Kita, Schule und Familie. In Veitshöchheim stellte die Münchner Psychologin die Aktion „Feinfühligkeit von Eltern und Erzieherinnen“ zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern im Kindergarten vor. Auch bei diesem Thema, erklärte sie, gehe es keineswegs um Perfektion.

Kinder pendeln zwischen Bindung und Autonomie

Wichtig sei, dass jede Erzieherin um die Bedeutung von Feinfühligkeit als wichtigstes Instrument für eine gute Entwicklung von Kindern weiß. Berkic: „Kinder sind entweder im Bindungs- oder im Explorationsverhaltensmodus.“ Das bedeutet, dass sie entweder in einem bestimmten Moment Trost, Hilfe oder Zuspruch suchen oder dass sie in diesem Moment auf eigene Faust die Welt erkunden. Niemals decken sich diese beiden Zustände, erläuterte die Bindungsforscherin: Kinder pendelten ständig zwischen Bindung und Autonomie hin und her. Einem Kind, das sich morgens beim Bringen nur schwer von der Mutter löst, nützt es nichts, auf die tolle Bastelecke verwiesen zu werden. Erst muss sein Bindungsbedürfnis gestillt werden, bevor es in den Kita-Alltag eintauchen kann. All das, so Berkic, hat mit Kommunikation zu tun: Während das Kind getröstet wird, spricht die Erzieherin mit ihm, wobei sie die Gefühle des Kindes benennt: „Du bist ganz schön traurig ...“. So lernt das Kind, die eigenen Gefühle zu artikulieren.

Umgang mit schwierigen Elterngesprächen

Mit Eltern umzugehen, die partout nicht kooperieren wollen, auch das ist eine Herausforderung, vor der Erzieherinnen dauernd stehen. Das zeigten auch die Fragen der Teilnehmerinnen an die Stuttgarter Publizistin Simone Richter, die in Veitshöchheim über gelingende Kommunikation referierte. „Was kann ich machen, wenn Eltern nicht zum Gespräch kommen, weil sie ahnen, dass es unangenehm wird?“, wollte eine Erzieherin wissen. Die Antwort klingt simpel: „In solchen Situationen ist es gut, klar zu sagen, warum man den Austausch sucht.“

Eltern müssten außerdem die Chance sehen, die für sie im klärenden Gespräch über ihr Kind steckt. „Bitten Sie die Eltern um Mithilfe“, riet die Kommunikationswissenschaftlerin. Das könnte zum Beispiel mit dem Satz passieren: „Es wäre jetzt wichtig, dass wir zusammen...“. Das nimmt die Angst, mit Schuldvorwürfen wegen des „unmöglichen“ Kindes überhäuft zu werden.

Ende der Ära Straßburg

Für den „Arbeitskreis Kind und Gesundheit“ war die 22. Fachtagung ein wichtiges Datum: Künftig müssen die Mitglieder, von denen die Fortbildung alljährlich organisiert wird, auf den Pädiater Prof. Dr. Michael Straßburg als eine ihrer prägendsten Persönlichkeiten verzichten. Der emeritierte Medizinprofessor moderierte die Fachtagung heuer zum letzten Mal. Feierlich verabschiedet wurde er von Barbara Stamm, der ehemaligen Präsidenten des Landtags, mit den Worten: „Sie werden dem Arbeitskreis in Zukunft schmerzlich fehlen.“

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Heute werden bereits Zweijährige betreut. Nicht wenige Eltern haben einen Migrationshintergrund. Und immer mehr Kinder mit Handicap sind in den Gruppen integriert. Überdies wissen Erzieherinnen heute um die große Bedeutung eines feinfühligen Umgangs mit Kindern. „All das führt zu Verunsicherungen“, konstatierte Straßburg. Wie groß der Bedarf nach Austausch zum Thema „Kommunikation“ ist, zeigte die Rekordbeteiligung an der Fachtagung: Rund 600 Erzieherinnen und Erzieher nahmen an der Fortbildung in den Mainfrankensälen teil. 

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Die Macht der Sprache

Sprache kann zerstörerisch wirken. Sie kann aber auch aufbauen. Das zeigten Heike Brandl, Heilpädagogin aus Lohr am Main, und Gudrun Dausacker, Schulleiterin aus Thüngersheim. Die beiden Frauen sind Spezialistinnen für die Methode „Lingva eterna“. Die sensibilisiert für den eigenen Wortschatz und lehrt, sprachlich wertschätzend mit anderen Menschen umzugehen. Drei „A“ stehen im Zentrum des Konzepts: Ansprache, Anschauen, Atemzug. Das Gegenüber sollte demnach immer namentlich angesprochen und bewusst angeschaut werden, zwischen der Namensnennung und dem folgenden Satzteil sollte der Sprecher eine Pause von einem Atemzug einlegen.

„Lingva eterna“ zu lernen, erscheint schwierig, ist jedoch reine Übungssache, betonten Brandl und Dausacker. Im ersten Schritt geht es darum, sich eingeschlichener Kommunikationsfehler bewusst zu werden. Das gilt den Pädagoginnen zufolge insbesondere für Floskeln wie „schnell“ oder „muss“. „Ich schreib noch schnell die Mail fertig ...“. Wer solche Sätze häufig sagt, signalisiere dem Umfeld ein permanentes Gehetztsein. Auch die Aussage, dass man nach der Arbeit noch einkaufen „muss“, ist aus „Lingva eterna“-Sicht keine gute Art, zu kommunizieren. Hierbei schwinge mit, dass das, was zu tun ist, nur gezwungenermaßen erledigt wird.

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Berkic vom Staatsinstitut für Frühpädagogik. „‚Good enough’ ist das neue ‚perfekt’“, lautet ihr Credo zur Prävention von Burnout in Kita, Schule und Familie. In Veitshöchheim stellte die Münchner Psychologin die Aktion „Feinfühligkeit von Eltern und Erzieherinnen“ zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern im Kindergarten vor. Auch bei diesem Thema, erklärte sie, gehe es keineswegs um Perfektion.

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Wichtig sei, dass jede Erzieherin um die Bedeutung von Feinfühligkeit als wichtigstes Instrument für eine gute Entwicklung von Kindern weiß. Berkic: „Kinder sind entweder im Bindungs- oder im Explorationsverhaltensmodus.“ Das bedeutet, dass sie entweder in einem bestimmten Moment Trost, Hilfe oder Zuspruch suchen oder dass sie in diesem Moment auf eigene Faust die Welt erkunden. Niemals decken sich diese beiden Zustände, erläuterte die Bindungsforscherin: Kinder pendelten ständig zwischen Bindung und Autonomie hin und her. Einem Kind, das sich morgens beim Bringen nur schwer von der Mutter löst, nützt es nichts, auf die tolle Bastelecke verwiesen zu werden. Erst muss sein Bindungsbedürfnis gestillt werden, bevor es in den Kita-Alltag eintauchen kann. All das, so Berkic, hat mit Kommunikation zu tun: Während das Kind getröstet wird, spricht die Erzieherin mit ihm, wobei sie die Gefühle des Kindes benennt: „Du bist ganz schön traurig ...“. So lernt das Kind, die eigenen Gefühle zu artikulieren.

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Eltern müssten außerdem die Chance sehen, die für sie im klärenden Gespräch über ihr Kind steckt. „Bitten Sie die Eltern um Mithilfe“, riet die Kommunikationswissenschaftlerin. Das könnte zum Beispiel mit dem Satz passieren: „Es wäre jetzt wichtig, dass wir zusammen...“. Das nimmt die Angst, mit Schuldvorwürfen wegen des „unmöglichen“ Kindes überhäuft zu werden.

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