Nachruf auf Dieter W. Schäfer

Abschied vom "heimlichen Wirtschaftsminister Mainfrankens"

Dieter Schäfer
Der langjährige Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt, Prof. Dr. Dieter W. Schäfer, ist am 31. Mai im Alter von 93 Jahren gestorben. Das Wirtschaftsleben Mainfrankens hat damit, auch wenn er sich schon seit geraumer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, eine seiner prägenden Persönlichkeiten verloren.

In einem Kommentar für das Fränkische Volksblatt hatte ich Anfang der 90er Jahre Dieter Schäfer, den damaligen Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt, als "heimlichen WIrtschaftsminister Mainfrankens" bezeichnet. So vehement, wie er sich zu jener Zeit dafür stark machte, dass dieser Wirtschaftsraum eine neue Rolle im Herzen des vereinigten Deutschlands einnehmen sollte, war er mir diese Bezeichnung wert. Repräsentant der Wirtschaft seiner Heimat nach innen und nach außen, machte er sich vor allem für ein Projekt stark: die Bahn-Transversale von Zürich über Stuttgart und Würzburg nach Berlin, der Hauptstadt. Seine Argumentation war wohlbegründet, fern vom Verfechten eines Prestigeprojekts. Denn diese Bahn-Strecke hätte Mainfranken einen regelmäßigen Zustrom von Menschen und Ideen erschlossen. Mit Blick auf heutige Überlegungen zu einem vergrößerten und attrativeren innerdeutschen Hochgeschwindigkeits-Bahn-System war sein Konzept geradezu visionär.

Für den imaginären Titel, den ich ihm verliehen hatte, kam ich bei der nächsten Pressekonferenz der IHK in den Genuss einer Schäferschen Richtigstellung. Vor allen anderen Inhalten des Tages wolle er klarstellen, dass er den Titel "Wirtschaftsminister für Mainfranken" weder trage noch anstrebe, "heimlich" schon gleich gar nicht. Auch wenn's in der Zeitung steht. Zwei Sätze, messerscharf und auf den Punkt. Mit funkelnden Augen hinter der auf der Nase nach vorn gerutschten Brille - und mit einer Tausendstelsekunde hinterhergeschobenem Grinsen.

Aus der Distanz betrachtet war die Bezeichnung gleichwohl verdient. Nicht im heute überwiegenden politischen Sinn des Begriffs, sondern so, wie es der Ursprung des Wortes "Minister" sagt: Diener zu sein. Wer 42 Jahre lang die IHK nicht als Institution versteht, sondern als lebendiges Organ, als gewichtige Stimme, als zupackendes Werkzeug der heimischen Wirtschaft, dem darf man getrost nachsagen, dass er dieser Aufgabe gedient hat. Von 1965 bis 1993 als Hauptgeschäftsführer hat er zwei, drei Generationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit seiner Denkweise geprägt und die IHK aus der "Kammer" in die öffentliche Wahrnehmung geführt. Die Rolle, die die IHK heute spielt, das Selbstverständnis, das sie prägt, ist ohne Dieter Schäfer nicht vorstellbar.

Für uns Journalisten war er als Historiker eine unerschöpfliche Fundgrube für das Verständnis von Ursachen und Zusammenhängen. Gerade in den Jahren nach der Vereinigung war dies extrem wertvoll. Ja, wir haben nach mancher Lektion des "Professors" zunächst tief geseufzt über die Masse und Dichte an Wissen, mit der er uns forderte. Aber seine offene Bereitschaft, Fragen zu beantworten und WIssenslücken zu schließen, machten ihn dann doch zu einer sehr geschätzten Quelle. Zumal, auch das eine seltene Eigenschaft, er sehr gut über unsere individuellen Interessen und Positionen Bescheid wusste - und darauf einging. Schäfer und Phrasen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Wie sehr Schäfer es verstand, Theorie und Praxis zu verbinden und das Ergebnis transparent zu machen, zeigte sich in den Informationen aus dem Innenleben von Treuhand und Wirtschaftsleben Ost. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Simson Fahrzeugwerke GmbH Suhl und der Elektrogerätewerk AG Suhl sowie als Gründungspate der wiedererrichteten IHK für Südthüringen in Suhl betrieb er "Wissenstransfer" par excellence, lange bevor der Begriff sich in die moderne Managementliteratur hineinschlich. Er sah das beleibe nicht als EInbahnstraße: Seine Beobachtungen und Analysen, die er im Gespräch teilte, wirken im Verständnis weiter, wie das Spannungsfeld Ost-West auch heute noch zu betrachten ist.

Am 31. Mai ist Dieter W. Schäfer nach einem langen, erfüllten und beeindruckenden Leben gestorben. Mainfranken hat einen großen Gestalter und fortschrittlichen Denker verloren.

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Nachruf auf Dieter W. Schäfer

Abschied vom "heimlichen Wirtschaftsminister Mainfrankens"

Dieter Schäfer
Der langjährige Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt, Prof. Dr. Dieter W. Schäfer, ist am 31. Mai im Alter von 93 Jahren gestorben. Das Wirtschaftsleben Mainfrankens hat damit, auch wenn er sich schon seit geraumer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, eine seiner prägenden Persönlichkeiten verloren.

In einem Kommentar für das Fränkische Volksblatt hatte ich Anfang der 90er Jahre Dieter Schäfer, den damaligen Hauptgeschäftsführer der IHK Würzburg-Schweinfurt, als "heimlichen WIrtschaftsminister Mainfrankens" bezeichnet. So vehement, wie er sich zu jener Zeit dafür stark machte, dass dieser Wirtschaftsraum eine neue Rolle im Herzen des vereinigten Deutschlands einnehmen sollte, war er mir diese Bezeichnung wert. Repräsentant der Wirtschaft seiner Heimat nach innen und nach außen, machte er sich vor allem für ein Projekt stark: die Bahn-Transversale von Zürich über Stuttgart und Würzburg nach Berlin, der Hauptstadt. Seine Argumentation war wohlbegründet, fern vom Verfechten eines Prestigeprojekts. Denn diese Bahn-Strecke hätte Mainfranken einen regelmäßigen Zustrom von Menschen und Ideen erschlossen. Mit Blick auf heutige Überlegungen zu einem vergrößerten und attrativeren innerdeutschen Hochgeschwindigkeits-Bahn-System war sein Konzept geradezu visionär.

Für den imaginären Titel, den ich ihm verliehen hatte, kam ich bei der nächsten Pressekonferenz der IHK in den Genuss einer Schäferschen Richtigstellung. Vor allen anderen Inhalten des Tages wolle er klarstellen, dass er den Titel "Wirtschaftsminister für Mainfranken" weder trage noch anstrebe, "heimlich" schon gleich gar nicht. Auch wenn's in der Zeitung steht. Zwei Sätze, messerscharf und auf den Punkt. Mit funkelnden Augen hinter der auf der Nase nach vorn gerutschten Brille - und mit einer Tausendstelsekunde hinterhergeschobenem Grinsen.

Aus der Distanz betrachtet war die Bezeichnung gleichwohl verdient. Nicht im heute überwiegenden politischen Sinn des Begriffs, sondern so, wie es der Ursprung des Wortes "Minister" sagt: Diener zu sein. Wer 42 Jahre lang die IHK nicht als Institution versteht, sondern als lebendiges Organ, als gewichtige Stimme, als zupackendes Werkzeug der heimischen Wirtschaft, dem darf man getrost nachsagen, dass er dieser Aufgabe gedient hat. Von 1965 bis 1993 als Hauptgeschäftsführer hat er zwei, drei Generationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit seiner Denkweise geprägt und die IHK aus der "Kammer" in die öffentliche Wahrnehmung geführt. Die Rolle, die die IHK heute spielt, das Selbstverständnis, das sie prägt, ist ohne Dieter Schäfer nicht vorstellbar.

Für uns Journalisten war er als Historiker eine unerschöpfliche Fundgrube für das Verständnis von Ursachen und Zusammenhängen. Gerade in den Jahren nach der Vereinigung war dies extrem wertvoll. Ja, wir haben nach mancher Lektion des "Professors" zunächst tief geseufzt über die Masse und Dichte an Wissen, mit der er uns forderte. Aber seine offene Bereitschaft, Fragen zu beantworten und WIssenslücken zu schließen, machten ihn dann doch zu einer sehr geschätzten Quelle. Zumal, auch das eine seltene Eigenschaft, er sehr gut über unsere individuellen Interessen und Positionen Bescheid wusste - und darauf einging. Schäfer und Phrasen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Wie sehr Schäfer es verstand, Theorie und Praxis zu verbinden und das Ergebnis transparent zu machen, zeigte sich in den Informationen aus dem Innenleben von Treuhand und Wirtschaftsleben Ost. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Simson Fahrzeugwerke GmbH Suhl und der Elektrogerätewerk AG Suhl sowie als Gründungspate der wiedererrichteten IHK für Südthüringen in Suhl betrieb er "Wissenstransfer" par excellence, lange bevor der Begriff sich in die moderne Managementliteratur hineinschlich. Er sah das beleibe nicht als EInbahnstraße: Seine Beobachtungen und Analysen, die er im Gespräch teilte, wirken im Verständnis weiter, wie das Spannungsfeld Ost-West auch heute noch zu betrachten ist.

Am 31. Mai ist Dieter W. Schäfer nach einem langen, erfüllten und beeindruckenden Leben gestorben. Mainfranken hat einen großen Gestalter und fortschrittlichen Denker verloren.

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