Kommentar

Als wäre es gestern gewesen

Mitunter verändern sich selbst schwerfällige Märkte von heute auf morgen. Da hilft keine Hightech und kein Vertriebsgeschick, um das Verschwinden von Produkten aus dem Markt aufzuhalten. Jüngstes Beispiel: Das Flagschiff europäischen Flugzeugbaus, der Airbus A 380.

Es war damals sogar der Deutschen Presseagentur (dpa) eine große Meldung wert: Der Würzburger Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer (KoeBau) hatte seine erste Zeitungsrotation mit wasserlöslichen Druckfarben vorgestellt. Eine Revolution für die Branche und ein Signal an die Umwelt: Es geht auch mit weniger chemischer Hilfe, eine attraktive Zeitung herzustellen. Knapp 30 Jahre ist das nun her. Geblieben ist die Notiz im Block eines Wirtschaftsredakteurs, der sich damals ausführlich das Verfahren erläutern ließ und dann einen Kommentar verfasste, wie gut Innovation, Ökonomie und Ökologie zusammenpassen.

Die Zeitung von damals ist längst zu irgendetwas (hoffentlich) Nützlichem recyclet. Zeitungsrotationen verkaufen sich inzwischen schlechter denn je, weil die Menschheit ihre Informationen lieber auf Bildschirmen liest. Bildschirme, die ohne wasserlösliche Farben auskommen und über deren Umweltfreundlichkeit selten diskutiert wird. Zugegeben: ein Randthema. Aber vom Prinzip her so präsent wie schon lange nicht mehr. Ein Artikel, vor zwei Tagen in The Economist erschienen, zieht einen fetten Trauerrand um ein Hochtechnologie-Produkt, das deutlich jünger ist - und trotzdem keine Perspektive mehr hat: "Was ist ein Flugzeug wert, das ungenutzt auf dem Vorfeld parkt und vielleicht nie mehr zum Start rollt?" schreibt das Wirtschaftsmagazin über den Airbus A 380. Nicht nur, dass es keine Neuverkäufe mehr gibt. Selbst als "Gebrauchten" will keiner mehr den Super-Jumbo haben.

Covid-10 hat's gerichtet und den weltweiten Bedarf für Massen-Fluggeräte auf Null geschrumpft: Gestern noch ein Meilen-, heute ein Grabstein. Aus einigen hundert Millionen Investitionssumme ist ein Kostenfaktor für Müllbeseitigung geworden.

Hätte man das wissen oder wenigstens ahnen können? Warum hat sich keiner Gedanken gemacht für den Fall, der jetzt eingetreten ist? Können wir im besten Fall etwas daraus lernen für die Zukunft - damit derlei nicht wieder passiert? 

Bei Airbus hat man mal darüber nachgedacht, auch eine Frachtversion des A380 zu entwickeln, den Plan dann aber fallen gelassen. Das bedeutet heute: Im Gegensatz zu ebenfalls übergroßen Boeing 747-Modellen lassen sich die großen Airbusse nicht einmal umrüsten. Damit ist es um sie genauso bestellt, wie um alte Macintoshs oder Windows97-Computer, wie um Euro3-Diesel-Lkw und um Dampflokomotiven: "Time to say Goodbye."

Was aber bei aller Melancholie nicht vergessen werden darf: Die Forschung und Entwicklung all dieser Produkte hat ein Wissen und ein Produktions-Knowhow reifen lassen, das zeitlos ist. Wie in der Wissenschaft baut auch in der Wirtschaft die Gegenwart auf den Erkenntnissen der Vergangenheit auf. Wenn in wenigen Tagen ein neues Ausbildungsjahr beginnt, werden die Berufseinsteiger*innen DInge lernen und anwenden, die noch keine Generation vor ihnen gelernt und angewendet hat. Sie werden neue Wege beschreiten und dabein versuchen, die Irrwege der Vergangenheit zu vermeiden.

Wenn sie Glück haben, verfügt ihr Unternehmen, verfügt die Welt der Wirtschaft, in die sie hineinwachsen, über eine ausgeprägte Fehlerkultur. Dann werden sie mit ihrem Können sicher in der Zukunft landen, auch wenn ihr Startplatz schon längst im Nirwana verschwunden ist. Vermutlich wird auch das schneller gehen, als es jemals gegangen ist. Und es wird allen vorkommen, als sei der Fortschritt erst gestern gewesen, worüber den sie gestaunt haben.

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Als wäre es gestern gewesen

Mitunter verändern sich selbst schwerfällige Märkte von heute auf morgen. Da hilft keine Hightech und kein Vertriebsgeschick, um das Verschwinden von Produkten aus dem Markt aufzuhalten. Jüngstes Beispiel: Das Flagschiff europäischen Flugzeugbaus, der Airbus A 380.

Es war damals sogar der Deutschen Presseagentur (dpa) eine große Meldung wert: Der Würzburger Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer (KoeBau) hatte seine erste Zeitungsrotation mit wasserlöslichen Druckfarben vorgestellt. Eine Revolution für die Branche und ein Signal an die Umwelt: Es geht auch mit weniger chemischer Hilfe, eine attraktive Zeitung herzustellen. Knapp 30 Jahre ist das nun her. Geblieben ist die Notiz im Block eines Wirtschaftsredakteurs, der sich damals ausführlich das Verfahren erläutern ließ und dann einen Kommentar verfasste, wie gut Innovation, Ökonomie und Ökologie zusammenpassen.

Die Zeitung von damals ist längst zu irgendetwas (hoffentlich) Nützlichem recyclet. Zeitungsrotationen verkaufen sich inzwischen schlechter denn je, weil die Menschheit ihre Informationen lieber auf Bildschirmen liest. Bildschirme, die ohne wasserlösliche Farben auskommen und über deren Umweltfreundlichkeit selten diskutiert wird. Zugegeben: ein Randthema. Aber vom Prinzip her so präsent wie schon lange nicht mehr. Ein Artikel, vor zwei Tagen in The Economist erschienen, zieht einen fetten Trauerrand um ein Hochtechnologie-Produkt, das deutlich jünger ist - und trotzdem keine Perspektive mehr hat: "Was ist ein Flugzeug wert, das ungenutzt auf dem Vorfeld parkt und vielleicht nie mehr zum Start rollt?" schreibt das Wirtschaftsmagazin über den Airbus A 380. Nicht nur, dass es keine Neuverkäufe mehr gibt. Selbst als "Gebrauchten" will keiner mehr den Super-Jumbo haben.

Covid-10 hat's gerichtet und den weltweiten Bedarf für Massen-Fluggeräte auf Null geschrumpft: Gestern noch ein Meilen-, heute ein Grabstein. Aus einigen hundert Millionen Investitionssumme ist ein Kostenfaktor für Müllbeseitigung geworden.

Hätte man das wissen oder wenigstens ahnen können? Warum hat sich keiner Gedanken gemacht für den Fall, der jetzt eingetreten ist? Können wir im besten Fall etwas daraus lernen für die Zukunft - damit derlei nicht wieder passiert? 

Bei Airbus hat man mal darüber nachgedacht, auch eine Frachtversion des A380 zu entwickeln, den Plan dann aber fallen gelassen. Das bedeutet heute: Im Gegensatz zu ebenfalls übergroßen Boeing 747-Modellen lassen sich die großen Airbusse nicht einmal umrüsten. Damit ist es um sie genauso bestellt, wie um alte Macintoshs oder Windows97-Computer, wie um Euro3-Diesel-Lkw und um Dampflokomotiven: "Time to say Goodbye."

Was aber bei aller Melancholie nicht vergessen werden darf: Die Forschung und Entwicklung all dieser Produkte hat ein Wissen und ein Produktions-Knowhow reifen lassen, das zeitlos ist. Wie in der Wissenschaft baut auch in der Wirtschaft die Gegenwart auf den Erkenntnissen der Vergangenheit auf. Wenn in wenigen Tagen ein neues Ausbildungsjahr beginnt, werden die Berufseinsteiger*innen DInge lernen und anwenden, die noch keine Generation vor ihnen gelernt und angewendet hat. Sie werden neue Wege beschreiten und dabein versuchen, die Irrwege der Vergangenheit zu vermeiden.

Wenn sie Glück haben, verfügt ihr Unternehmen, verfügt die Welt der Wirtschaft, in die sie hineinwachsen, über eine ausgeprägte Fehlerkultur. Dann werden sie mit ihrem Können sicher in der Zukunft landen, auch wenn ihr Startplatz schon längst im Nirwana verschwunden ist. Vermutlich wird auch das schneller gehen, als es jemals gegangen ist. Und es wird allen vorkommen, als sei der Fortschritt erst gestern gewesen, worüber den sie gestaunt haben.

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