MAINung am MONTAG

Beim Home Office irrt der Minister

Mit seinem Vorstoß für ein "Recht auf Home Office" mag Arbeitsminister Heil auf den Effekt des Moments spekulieren. Vom Gesamtkonzept her aber führt das Konzept in die Irre.

Die Corona-Krise gebiert allenthalben Bereitschaft zur Veränderung. Die Not- und Zwangslagen, die aus ihr erwachsen, können in der Tat Anstoß für innovative Verfahren und Strukturen sein. Auch spricht einiges dafür, heute noch provisorische Lösungen in beständige Angebote zu wandeln - wie zum Beispiel die Arbeit im Home Office. In vielen Betrieben ist sie derzeit die pragmatische Antwort auf den Zielkonflikt zwischen Distanzgebot und Produktivität.

Es überrascht wenig, wenn nun ein Vorschlag wieder Oberwasser gewinnt, der schon einmal - aus guten Gründen -  nach dem ersten Laufsteg-Auftritt kein Foto von der Jury bekommen hat. Das "Recht auf Home Office", von Arbeitsminister Hubertus Heil gerade wieder publikumswirksam ins Gespräch gebracht, mag attraktiv wirken.  Bei genauem Hinsehen entpuppt es sich jedoch als Kaiser, der ohne Kleider daherkommt.

Was bleibt für den Feuerwehrler?

Das beginnt damit, dass Arbeiten im "Home Office" dafür prädestiniert ist, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Arbeitnehmer zu schaffen. Mögen Kosmetikerinnen und Friseure noch ihre Arbeit in die eigenen vier Wände verlagern können - wie steht es um Metzger und Schreiner? Um Krankenpflegerinnen und Kindergärtnerinnen? Um Kfz-Mechaniker, Feuerwehrleute, Chemiker, um Verkehrspilotinnen, Kamerafrauen und Landschaftsgärtnerinnen? Die können sich ihr "Recht" in die Pfanne schlagen und ein Ei darauf backen.

Geradezu skurril werden die Vorstellung von Strafvollzugsbeamten, der seine Schützlinge im Kartoffelkeller hält und von der Gehirnchirurgin, die für den Home-OP den Lamborghini aus der Garage ausparkt. Aber haben wir nicht aus guten Gründen strenge Regeln für Hygiene, Sicherheit und Verbraucherschutz geschaffen? Fordern Transparenz und Überprüfbarkeit ein? Wie attraktiv wären wohl Home Office-Arbeitsplätze, bei denen alle Nase lang Inspektoren der Berufsgenossenschaft, des Gewerbeamts oder einer anderen Aufsichtsbehörde aufkreuzen?

Wenn das Wohn- zum Gewerbegebiet wird

Selbst wenn wir einen Schritt weiter gehen und den Mechatroniker mit seinem 3D-Drucker in den häuslichen Hobbykeller umsiedeln oder einen Steinmetz seine Skulpturen im Vorgarten meißeln lassen: Das ist nur zulässig, wenn selbige in einem Mischgebiet wohnen. Sonst drohen berechtigte Klagen aus der Nachbarschaft und empfindliche Strafen seitens der Kommunen. Das Problem ist, am Rande der gesellschaftlichen Akzeptanz, bekannt aus Glückspiel und Prostitution. Fraglos ließe sich das alles per Gesetz regeln. Aber nur um den Preis eines Rechts, bei dem nicht alle gleich sind.

Selbst bei den pflegeleichten Bürojobs, bei denen derzeit das Home Office hochwillkommen ist, sind in der Praxis die Hürden hoch. Das Hindernis heißt DSGVO. Wer die darin enthaltenen Vorschriften genau nimmt, braucht eine einbruchsichere Wohnung, blicksichere Scheiben, abhörsichere Telefone und ein minutiöses Protokoll aller Gäste im Büro. "Schatz, bitte unterschreibe hier in Zeile 37..."  

Attraktive Arbeitsplätze gehen anders

Was den Heilschen Vorschlag  gänzlich überflüssig macht, ist der Wunsch jedes Arbeitnehmers nach Distanz - nicht zu den Menschen, sondern zur Arbeit. Mitunter auch "Work-Life-Balance" genannt. Es gibt berechtigte Zweifel daran, dass sich Home-Office-Worker bei Ergonomie und Arbeitsplatzgestaltung in den eigenen vier Wänden von einem Chef dreinreden lassen, der auf DIN und ISO-Standards pocht. 

Dazu kommt: Aus dem Büro kann man nach Hause gehen, wenn man genug hat. Aus dem Home Office nicht. Arbeitgeber, die auf ihre Attraktivität achten und auf ihre Mitarbeiter hören, werden auch ohne ein "Recht auf..." erkennen, womit sie im Wettbewerb bestehen oder scheitern. Für den einen oder anderen mag das passende Angebot "Home Office" heißen - für viele aber auch nicht. Hier mit der strengen Hand des Gesetzgebers einzugreifen, dazu besteht kein Bedarf.

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Es überrascht wenig, wenn nun ein Vorschlag wieder Oberwasser gewinnt, der schon einmal - aus guten Gründen -  nach dem ersten Laufsteg-Auftritt kein Foto von der Jury bekommen hat. Das "Recht auf Home Office", von Arbeitsminister Hubertus Heil gerade wieder publikumswirksam ins Gespräch gebracht, mag attraktiv wirken.  Bei genauem Hinsehen entpuppt es sich jedoch als Kaiser, der ohne Kleider daherkommt.

Was bleibt für den Feuerwehrler?

Das beginnt damit, dass Arbeiten im "Home Office" dafür prädestiniert ist, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Arbeitnehmer zu schaffen. Mögen Kosmetikerinnen und Friseure noch ihre Arbeit in die eigenen vier Wände verlagern können - wie steht es um Metzger und Schreiner? Um Krankenpflegerinnen und Kindergärtnerinnen? Um Kfz-Mechaniker, Feuerwehrleute, Chemiker, um Verkehrspilotinnen, Kamerafrauen und Landschaftsgärtnerinnen? Die können sich ihr "Recht" in die Pfanne schlagen und ein Ei darauf backen.

Geradezu skurril werden die Vorstellung von Strafvollzugsbeamten, der seine Schützlinge im Kartoffelkeller hält und von der Gehirnchirurgin, die für den Home-OP den Lamborghini aus der Garage ausparkt. Aber haben wir nicht aus guten Gründen strenge Regeln für Hygiene, Sicherheit und Verbraucherschutz geschaffen? Fordern Transparenz und Überprüfbarkeit ein? Wie attraktiv wären wohl Home Office-Arbeitsplätze, bei denen alle Nase lang Inspektoren der Berufsgenossenschaft, des Gewerbeamts oder einer anderen Aufsichtsbehörde aufkreuzen?

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Selbst wenn wir einen Schritt weiter gehen und den Mechatroniker mit seinem 3D-Drucker in den häuslichen Hobbykeller umsiedeln oder einen Steinmetz seine Skulpturen im Vorgarten meißeln lassen: Das ist nur zulässig, wenn selbige in einem Mischgebiet wohnen. Sonst drohen berechtigte Klagen aus der Nachbarschaft und empfindliche Strafen seitens der Kommunen. Das Problem ist, am Rande der gesellschaftlichen Akzeptanz, bekannt aus Glückspiel und Prostitution. Fraglos ließe sich das alles per Gesetz regeln. Aber nur um den Preis eines Rechts, bei dem nicht alle gleich sind.

Selbst bei den pflegeleichten Bürojobs, bei denen derzeit das Home Office hochwillkommen ist, sind in der Praxis die Hürden hoch. Das Hindernis heißt DSGVO. Wer die darin enthaltenen Vorschriften genau nimmt, braucht eine einbruchsichere Wohnung, blicksichere Scheiben, abhörsichere Telefone und ein minutiöses Protokoll aller Gäste im Büro. "Schatz, bitte unterschreibe hier in Zeile 37..."  

Attraktive Arbeitsplätze gehen anders

Was den Heilschen Vorschlag  gänzlich überflüssig macht, ist der Wunsch jedes Arbeitnehmers nach Distanz - nicht zu den Menschen, sondern zur Arbeit. Mitunter auch "Work-Life-Balance" genannt. Es gibt berechtigte Zweifel daran, dass sich Home-Office-Worker bei Ergonomie und Arbeitsplatzgestaltung in den eigenen vier Wänden von einem Chef dreinreden lassen, der auf DIN und ISO-Standards pocht. 

Dazu kommt: Aus dem Büro kann man nach Hause gehen, wenn man genug hat. Aus dem Home Office nicht. Arbeitgeber, die auf ihre Attraktivität achten und auf ihre Mitarbeiter hören, werden auch ohne ein "Recht auf..." erkennen, womit sie im Wettbewerb bestehen oder scheitern. Für den einen oder anderen mag das passende Angebot "Home Office" heißen - für viele aber auch nicht. Hier mit der strengen Hand des Gesetzgebers einzugreifen, dazu besteht kein Bedarf.

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