Kommentar

Braucht die Generation Z noch die 4-Tage-Woche?

Mitten in die wirtschaftliche Krise hinein dringen Gedanken und Überlegungen, worum sich anstehende Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern kümmern sollen. Wirklich Wegweisendes ist dabei nicht zu vernehmen.

Dass im Vorfeld anstehender Tarifgespräche die alte Idee von der 4-Tage-Woche wieder aufs Tapet kommt? "Damit war zu rechnen", sagen die einen. "Das passt doch überhaupt nicht ins Bild", die anderen. Wobei die Rollen wenig überraschend verteilt sind: Hier die IG Metall und Die Linke als Befürworter, dort der BDA und andere Arbeitgeberverbände als Gegner. Dazwischen noch ein paar Wirtschaftswissenschaftler, die es im Prinzip für richtig befinden, das weniger Arbeit, die auf weniger Köpfer und Hände verteilt wird, eben nur über geringere Arbeitsstunden zu erreichen ist. Versehen mit einem reduzierten Preisschild: "Ohne Lohnausgleich." 

Da werden die Habenden wohl nicht mitmachen wollen. Solidarität mit den Nichthabenden hin und her. Wir erleben es gerade an der vermeintlich geringen Belastung eines Stücks Stoff, das vor Mund und Nase getragen werden soll, dass persönlicher Verzicht zugunten Anderer nicht unbedingt geschätzt wird. Im Gegenteil.

Warum überhaupt Zeit und Geld im Mittelpunkt der Überlegungen stehen, erschließt sich nur beim Blick in die Vergangenheit. Das Argument "mindestens Inflationsausgleich" für Lohn- und Gehaltserhöhungen hat seine Tragkraft allein aus dem Versprechen bezogen, dass Arbeitnehmer nicht unter dem Wertverlust des Geldes leiden sollen. Dass ihr Mehr an Gehalt die Inflation weiter angetrieben hat - geschenkt. Soviel Mathematik war nicht zumutbar. Außerdem liegt die Verantwortung, auch für die Inflation, ja "bei denen da oben".

Dass es aber möglich wäre, die Beschäftigten direkt am Unternehmenserfolg zu beteiligen, zum Beispiel über Anteilscheine oder Aktien, gilt in Gewerkschaftskreisen seit jeher als Übel. Wer würde denn noch gegen die eigenen Interessen streiken? Ist das nicht der sichere Schritt in die Selbstausbeutung? Die Idee des Investivlohns - so alt wie das deutsche Wirtschaftswunder - hat inzwischen rund um die Welt Nachahmer gefunden. Mitarbeiter von Microsoft und Google etwa haben auf diese Weise ein ordentliches Vermögen anhäufen können. In Frankreich sind über 40 Prozent der Beschäftigten Miteigentümer ihres Unternehmens.

Unter dem Aspekt der Solidarität ist die Umwandlung von Gehaltsanteilen ind Unternehmensanteile eine ehrliche Sache. Denn die Mitarbeitenden machen es ihrem Betrieb damit möglich, in die eigene Stärke und Wettbewerbsfähigkeit zu investieren, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Das Management muss dabei Achtsamkeit an den Tag legen: Schließlich hat jeder Anteilseigner ein Mitspracherecht. Ähnlich wie in einer Genossenschaft stehen in diesem Modell die Stärkeren den Schwächeren zur Seite und bauen gemeinsame Werte auf. Mit Blick auf die Generationen Y und Z, die gerade den Arbeitsmarkt auf- und die klassischen Karriereprofile um-mischen, braucht es Ideen in diese Richtung, soll eine organisierte Arbeitnehmervertretung überhaupt noch relevant erscheinen.

Keine Frage: In einer schweren Krise, komme sie von außen oder von innen, bei der die Existenz des Unternehmens gefährdet ist oder erlischt, besteht das Risiko, dass solche Investionen verloren gehen. Aber wäre nicht das dem übergeordneten Denken und Handeln einer Gewerkschaft würdig, hierfür eine Vorsorgelösung einzufordern statt um Stunden und Euros zu feilschen?

Wir werden im Zug der Digitalisierung und des Kampfes gegen den Klimawandel in Produktionsverhältnisse hineingleiten, wie sie unterschiedlicher zu heute nicht sein können. Hierzu gibt es, nicht nur, aber auch von Seiten der Gewerkschaften, schon Studien und Szenarien zuhauf. Deren Inhalte wären für die Zukunft wesentlich wichtiger als die Forderung nach einer 4-Tage-Woche. Aber vielleicht sind, ganz im Sinne von falsch verstandenem Machterhalt, dort die Mitglieder von heute wichtiger als die von morgen.

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Braucht die Generation Z noch die 4-Tage-Woche?

Mitten in die wirtschaftliche Krise hinein dringen Gedanken und Überlegungen, worum sich anstehende Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern kümmern sollen. Wirklich Wegweisendes ist dabei nicht zu vernehmen.

Dass im Vorfeld anstehender Tarifgespräche die alte Idee von der 4-Tage-Woche wieder aufs Tapet kommt? "Damit war zu rechnen", sagen die einen. "Das passt doch überhaupt nicht ins Bild", die anderen. Wobei die Rollen wenig überraschend verteilt sind: Hier die IG Metall und Die Linke als Befürworter, dort der BDA und andere Arbeitgeberverbände als Gegner. Dazwischen noch ein paar Wirtschaftswissenschaftler, die es im Prinzip für richtig befinden, das weniger Arbeit, die auf weniger Köpfer und Hände verteilt wird, eben nur über geringere Arbeitsstunden zu erreichen ist. Versehen mit einem reduzierten Preisschild: "Ohne Lohnausgleich." 

Da werden die Habenden wohl nicht mitmachen wollen. Solidarität mit den Nichthabenden hin und her. Wir erleben es gerade an der vermeintlich geringen Belastung eines Stücks Stoff, das vor Mund und Nase getragen werden soll, dass persönlicher Verzicht zugunten Anderer nicht unbedingt geschätzt wird. Im Gegenteil.

Warum überhaupt Zeit und Geld im Mittelpunkt der Überlegungen stehen, erschließt sich nur beim Blick in die Vergangenheit. Das Argument "mindestens Inflationsausgleich" für Lohn- und Gehaltserhöhungen hat seine Tragkraft allein aus dem Versprechen bezogen, dass Arbeitnehmer nicht unter dem Wertverlust des Geldes leiden sollen. Dass ihr Mehr an Gehalt die Inflation weiter angetrieben hat - geschenkt. Soviel Mathematik war nicht zumutbar. Außerdem liegt die Verantwortung, auch für die Inflation, ja "bei denen da oben".

Dass es aber möglich wäre, die Beschäftigten direkt am Unternehmenserfolg zu beteiligen, zum Beispiel über Anteilscheine oder Aktien, gilt in Gewerkschaftskreisen seit jeher als Übel. Wer würde denn noch gegen die eigenen Interessen streiken? Ist das nicht der sichere Schritt in die Selbstausbeutung? Die Idee des Investivlohns - so alt wie das deutsche Wirtschaftswunder - hat inzwischen rund um die Welt Nachahmer gefunden. Mitarbeiter von Microsoft und Google etwa haben auf diese Weise ein ordentliches Vermögen anhäufen können. In Frankreich sind über 40 Prozent der Beschäftigten Miteigentümer ihres Unternehmens.

Unter dem Aspekt der Solidarität ist die Umwandlung von Gehaltsanteilen ind Unternehmensanteile eine ehrliche Sache. Denn die Mitarbeitenden machen es ihrem Betrieb damit möglich, in die eigene Stärke und Wettbewerbsfähigkeit zu investieren, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Das Management muss dabei Achtsamkeit an den Tag legen: Schließlich hat jeder Anteilseigner ein Mitspracherecht. Ähnlich wie in einer Genossenschaft stehen in diesem Modell die Stärkeren den Schwächeren zur Seite und bauen gemeinsame Werte auf. Mit Blick auf die Generationen Y und Z, die gerade den Arbeitsmarkt auf- und die klassischen Karriereprofile um-mischen, braucht es Ideen in diese Richtung, soll eine organisierte Arbeitnehmervertretung überhaupt noch relevant erscheinen.

Keine Frage: In einer schweren Krise, komme sie von außen oder von innen, bei der die Existenz des Unternehmens gefährdet ist oder erlischt, besteht das Risiko, dass solche Investionen verloren gehen. Aber wäre nicht das dem übergeordneten Denken und Handeln einer Gewerkschaft würdig, hierfür eine Vorsorgelösung einzufordern statt um Stunden und Euros zu feilschen?

Wir werden im Zug der Digitalisierung und des Kampfes gegen den Klimawandel in Produktionsverhältnisse hineingleiten, wie sie unterschiedlicher zu heute nicht sein können. Hierzu gibt es, nicht nur, aber auch von Seiten der Gewerkschaften, schon Studien und Szenarien zuhauf. Deren Inhalte wären für die Zukunft wesentlich wichtiger als die Forderung nach einer 4-Tage-Woche. Aber vielleicht sind, ganz im Sinne von falsch verstandenem Machterhalt, dort die Mitglieder von heute wichtiger als die von morgen.

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