„Mach was AbgeFAHRENes“:

Im Lkw-Cockpit fehlen die Fahrer in Zeiten des E-Commerce

Ein Gespräch mit Professor Dr. Kille, FHWS, über Nachwuchsmangel, Vorurteile und Aussichten in der Logistik

Online bestellen und dann nur noch auf die Lieferung warten – E-Commerce sowie die Logistik setzen immer auch einen funktionierenden Warenverkehr voraus. Dieser wiederum benötigt ausreichend Berufskraftfahrerinnen und –fahrer. An ihnen, so Professor Dr. Christian Kille für Handelslogistik und Operations Management an der Hochschule angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, mangelt es jedoch mittlerweile: 45.000 bis 60.000 Stellen in Deutschland seien nicht besetzt nach Angaben des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung und des Bundesverbandes Spedition und Logistik. Bis 2027 soll sich laut der Internationalen Straßentransportunion (IRU) eine Lücke von bis zu 185.000 Fahrern in Deutschland auftun. In Zeiten einer Pandemie ein Fakt, der die Wirtschaft aufhorchen lässt.

Work-Life-Balance kontra Staus und mehrtägige Touren

Vorurteile insbesondere zu Verdienst und Arbeitsbedingungen sind nur ein Problem, ausreichend Schwerkraftfahrerinnen und -fahrer zu finden. Im Zuge der Pandemie konnten vorübergehend keine Truck-Jobs vergeben werden: Viele Fahrer haben daraufhin die Branche gewechselt und kehren nicht mehr in ihren vorherigen Beruf zurück, so Kille. Eine weitere Herausforderung stellt die Nachwuchs-Thematik dar: In der Studie des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) „Marktbeobachtung Güterverkehr. Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik. Fahrerberufe“ stellte das Amt fest, dass mehr als 30 Prozent der Fahrer über 55 Jahre alt seien und demnächst in Rente gingen. Die junge Generation der Auszubildenden lege Wert auf planbare Arbeitszeiten, eine Work-Life-Balance sowie eine gute Bezahlung. Überstunden, Touren von mehreren Tagen und oft nicht kalkulierbare Staus decken sich nur wenig mit diesen Ansprüchen an eine Beschäftigung.

Der Professor ergänzt: „Durch die insgesamt aus Sicht von Arbeitssuchenden nicht besonders wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen im Berufsfeld der Lkw-Fahrer sind die Interessentinnen und Interessenten sehr gering.“ Lkw-Fahrer erhalten eine regional unterschiedliche Entlohnung - in Baden-Württemberg und Bayern durchschnittlich 2.600 Euro brutto, in Sachsen und Brandenburg 800 Euro weniger, rund 1.800 Euro brutto pro Monat. Eine weitere Einstiegshürde in den Beruf stelle der Lkw-Führerschein dar. Kille: „Da die Margen im Lkw-Transportgewerbe sehr gering sind, können oder wollen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber die Mehrkosten oft nicht übernehmen.“ Erst langsam ändere sich hier die Sicht der Unternehmen.

Berufskraftfahrer aus Osteuropa bleiben zunehmend aus

Eine weitere Herausforderung bei der Stellenbesetzung von Lkw-Fahrern ist das steigende Lohnniveau insbesondere in Osteuropa. Prof. Dr. Kille beobachtet: „Die Fahrerinnen und Fahrer aus Osteuropa füllen immer weniger die Lücken im Schwerlastverkehr, da sie mittlerweile einen guten Lohn in ihren Heimatländern verdienen und damit ein stabileres Familienleben haben können.“

Thema Lkw-Maut und Geschwindigkeit von Lieferungen

Da die Gewinnspannen im Logistik-Bereich sehr begrenzt sind, werden alle Stellschrauben genau betrachtet. Hier kommt auch die Lkw-Maut in Betracht sowie die Geschwindigkeit, Lieferungen möglichst schnell von A nach B zu transportieren. Statt in großen Lkw werden alternativ oft auch Kleintransporter mit Schlafkabinen eingesetzt. Ihre Vorteile: Für sie fallen keine Mautkosten an. Der Logistiker Kille weiter: „Auch die Just-in-Time-Nachfragen nicht nur aus der Automobilindustrie erfordern eine schnelle Lieferung bei eingetretenen Verspätungen. Da die Kleintransporter schneller fahren dürfen als 80 km/h, kommen diese zum Einsatz.“

Touren im Truck – ein Beruf auch für FahrerINNEN?

Der Trend, Mädchen und Frauen für sogenannte „Männer-Domänen“ zu interessieren, kann sich im Bereich Berufskraftfahrer so gut wie gar nicht durchsetzen: Nur rund zwei bis vier Prozent der Fahrenden am Lenkrad eines Lkw sind weiblich. Vorurteile, dass das Berufsbild viel körperlichen Einsatz verlange, die Nächte durchgängig auf zugigen Rastplätzen verlaufen oder Frauen bedrängt werden, lässt Mädchen und Frauen vor der Berufswahl zurückschrecken. Der FHWS-Logistiker plädiert hier für eine Änderung der Rahmenbedingungen, um den Beruf der Berufskraftfahrerin attraktiv, akzeptabel und damit interessant zu gestalten: „Es gibt mittlerweile einige Initiativen, um Frauen zu gewinnen.“ So zeigt die Berufskraftfahrerin Charlinè Behlen auf, dass Kraftfahren etwas mit Fingerspitzengefühl zu tun habe, nicht mit Kraft. Vielleicht sei dies ein kleiner Anfang.

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Work-Life-Balance kontra Staus und mehrtägige Touren

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Der Professor ergänzt: „Durch die insgesamt aus Sicht von Arbeitssuchenden nicht besonders wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen im Berufsfeld der Lkw-Fahrer sind die Interessentinnen und Interessenten sehr gering.“ Lkw-Fahrer erhalten eine regional unterschiedliche Entlohnung - in Baden-Württemberg und Bayern durchschnittlich 2.600 Euro brutto, in Sachsen und Brandenburg 800 Euro weniger, rund 1.800 Euro brutto pro Monat. Eine weitere Einstiegshürde in den Beruf stelle der Lkw-Führerschein dar. Kille: „Da die Margen im Lkw-Transportgewerbe sehr gering sind, können oder wollen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber die Mehrkosten oft nicht übernehmen.“ Erst langsam ändere sich hier die Sicht der Unternehmen.

Berufskraftfahrer aus Osteuropa bleiben zunehmend aus

Eine weitere Herausforderung bei der Stellenbesetzung von Lkw-Fahrern ist das steigende Lohnniveau insbesondere in Osteuropa. Prof. Dr. Kille beobachtet: „Die Fahrerinnen und Fahrer aus Osteuropa füllen immer weniger die Lücken im Schwerlastverkehr, da sie mittlerweile einen guten Lohn in ihren Heimatländern verdienen und damit ein stabileres Familienleben haben können.“

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Da die Gewinnspannen im Logistik-Bereich sehr begrenzt sind, werden alle Stellschrauben genau betrachtet. Hier kommt auch die Lkw-Maut in Betracht sowie die Geschwindigkeit, Lieferungen möglichst schnell von A nach B zu transportieren. Statt in großen Lkw werden alternativ oft auch Kleintransporter mit Schlafkabinen eingesetzt. Ihre Vorteile: Für sie fallen keine Mautkosten an. Der Logistiker Kille weiter: „Auch die Just-in-Time-Nachfragen nicht nur aus der Automobilindustrie erfordern eine schnelle Lieferung bei eingetretenen Verspätungen. Da die Kleintransporter schneller fahren dürfen als 80 km/h, kommen diese zum Einsatz.“

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