Kommentar

Lehren aus dem Fall "wirecard": Wenn Aufseher mit zweierlei Maß messen

So streng, wie sich das Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) selbst bei kleinsten Verfehlungen heimischer Kreditinstitute gibt, so großzügig zeigte es sich beim vermutlich größten Skandal, den ein DAX-Unternehmen je produziert hat. Der Widerspruch ließe sich unter "zeitweiser Verblendung" abbuchen, stünde nicht eine Haltung dahinter, die Kunden vor allem von Sparkassen und Genossenschaftsbanken schadet.

Seit geraumer Zeit sehen sich Kunden von Banken und Sparkassen mit der Schließung von Filialen und Geschäftsstellen in der Fläche konfrontiert. Die Kreditinstitute begründen dies glaubhaft mit dem Rückgang der physischen Besuche bei diesen Satelliten ihres Geschäftsgebiets. Wenn Aufwand und Ertrag nicht mehr zusammenstimmen, ist eine Prüfung und Korrektur bestehender Strukturen angebracht. Da wird kein vernünftig denkender Mensch widersprechen, insbesondere kein anderer Unternehmer.

Was in diesem Zusammenhang kaum zur Sprache kommt, ist der Druck, unter dem vor allem die kleineren Institute und Genossenschaftsbanken seitens der Finanzaufsicht stehen. Selbst wenn sie zu ihren kunden- und menschennahen Services stünden, bekommen sie regelmäßig Schüsse vor den Bug. Querfinanzierungen gelten aus Sicht der BaFin als sündhafter Verstoß gegen die absolute Wirtschaftlichkeit des Finanzwesens. Die um sich greifende Belegung von Guthaben mit Strafzinsen fällt in die gleiche Kategorie: Rabatte und schonender Umgang mit Kunden mögen beim Bäcker und beim Metzger erlaubt sind. Wenn's um Geld geht, hört der Spaß auf.

Vor diesem Hintergrund macht das Verhalten der BaFin im Fall "wirecard" umso zorniger. Vor lauter Begeisterung, endlich mal ein vermeintliches Fintech-Unternehmen im Land zu haben, ließen die Aufseher alle Fünfe grade sein, griffen, wie es derzeit aussieht, nur allzu gern zum größtgroßzügigen Maßstab, den sie zur Hand hatten. Und hielten sich den schützend vor die Augen.

Wer aufmerksam hinhört bei Bilanzpressekonferenzen und Vertreterversammlungen, dem fällt schon länger das behutsamen Vermeiden von BaFin-Attacken durch die Vorstände auf. Manche von ihnen lassen dann unter vier Augen durchklingen, dass sie - verstärkt seit der Finanzkrise 2008 - das Geschäftsmodell der kleinen, regionalen Institute unter Beschuss sehen. Dabei setzen die Kritiker und Gegner eher indirekt an, indem sie das dreigliedrige Finanzsystem als überholt bezeichnen, das es in dieser Form exklusiv in Deutschland gibt.

Dabei sind es genau diese Kreditinstitute in der unmittelbaren Nachbarschaft, die aktiv zur Standortqualität und Planungssicherheit kleiner und mittlerer Unternehmen einer Region beitragen. Die den Begriff "Hausbank" noch mit einer sichtbaren Präsenz unterstreichen. Deren Vorstände und Mitarbeiter man aus dem Sportverein, dem Elternbeirat oder der gemeinsamen ehrenamtlichen Tätigkeit in IHK oder HWK kennt. Und denen man, von sehr, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht auf die Philippinen folgen muss, wenn man ihrer habhaft werden will.

Es ist ein Vierteljahhundert her, als der hessisches Baulöwe Schneider mit großem Geblende die Finanzwirtschaft ausgehebelt hat. Dass seitdem verstärkt Risiken und Betrugsgefahren unter die Lupe genommen werden, ist gut und berechtigt. Wenn die Aufseher selbst aber nur Standards im Griff haben, während sie sich vom Hightech-Glanz im Neuland Fintech blenden lassen, dann ist das System aus dem Gleichgewicht. Die Wirtschaft ist gut beraten, sich - gerade in einer kritischen Konjunkturlage - in diesem Fall massiv einzumischen.

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So streng, wie sich das Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) selbst bei kleinsten Verfehlungen heimischer Kreditinstitute gibt, so großzügig zeigte es sich beim vermutlich größten Skandal, den ein DAX-Unternehmen je produziert hat. Der Widerspruch ließe sich unter "zeitweiser Verblendung" abbuchen, stünde nicht eine Haltung dahinter, die Kunden vor allem von Sparkassen und Genossenschaftsbanken schadet.

Seit geraumer Zeit sehen sich Kunden von Banken und Sparkassen mit der Schließung von Filialen und Geschäftsstellen in der Fläche konfrontiert. Die Kreditinstitute begründen dies glaubhaft mit dem Rückgang der physischen Besuche bei diesen Satelliten ihres Geschäftsgebiets. Wenn Aufwand und Ertrag nicht mehr zusammenstimmen, ist eine Prüfung und Korrektur bestehender Strukturen angebracht. Da wird kein vernünftig denkender Mensch widersprechen, insbesondere kein anderer Unternehmer.

Was in diesem Zusammenhang kaum zur Sprache kommt, ist der Druck, unter dem vor allem die kleineren Institute und Genossenschaftsbanken seitens der Finanzaufsicht stehen. Selbst wenn sie zu ihren kunden- und menschennahen Services stünden, bekommen sie regelmäßig Schüsse vor den Bug. Querfinanzierungen gelten aus Sicht der BaFin als sündhafter Verstoß gegen die absolute Wirtschaftlichkeit des Finanzwesens. Die um sich greifende Belegung von Guthaben mit Strafzinsen fällt in die gleiche Kategorie: Rabatte und schonender Umgang mit Kunden mögen beim Bäcker und beim Metzger erlaubt sind. Wenn's um Geld geht, hört der Spaß auf.

Vor diesem Hintergrund macht das Verhalten der BaFin im Fall "wirecard" umso zorniger. Vor lauter Begeisterung, endlich mal ein vermeintliches Fintech-Unternehmen im Land zu haben, ließen die Aufseher alle Fünfe grade sein, griffen, wie es derzeit aussieht, nur allzu gern zum größtgroßzügigen Maßstab, den sie zur Hand hatten. Und hielten sich den schützend vor die Augen.

Wer aufmerksam hinhört bei Bilanzpressekonferenzen und Vertreterversammlungen, dem fällt schon länger das behutsamen Vermeiden von BaFin-Attacken durch die Vorstände auf. Manche von ihnen lassen dann unter vier Augen durchklingen, dass sie - verstärkt seit der Finanzkrise 2008 - das Geschäftsmodell der kleinen, regionalen Institute unter Beschuss sehen. Dabei setzen die Kritiker und Gegner eher indirekt an, indem sie das dreigliedrige Finanzsystem als überholt bezeichnen, das es in dieser Form exklusiv in Deutschland gibt.

Dabei sind es genau diese Kreditinstitute in der unmittelbaren Nachbarschaft, die aktiv zur Standortqualität und Planungssicherheit kleiner und mittlerer Unternehmen einer Region beitragen. Die den Begriff "Hausbank" noch mit einer sichtbaren Präsenz unterstreichen. Deren Vorstände und Mitarbeiter man aus dem Sportverein, dem Elternbeirat oder der gemeinsamen ehrenamtlichen Tätigkeit in IHK oder HWK kennt. Und denen man, von sehr, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht auf die Philippinen folgen muss, wenn man ihrer habhaft werden will.

Es ist ein Vierteljahhundert her, als der hessisches Baulöwe Schneider mit großem Geblende die Finanzwirtschaft ausgehebelt hat. Dass seitdem verstärkt Risiken und Betrugsgefahren unter die Lupe genommen werden, ist gut und berechtigt. Wenn die Aufseher selbst aber nur Standards im Griff haben, während sie sich vom Hightech-Glanz im Neuland Fintech blenden lassen, dann ist das System aus dem Gleichgewicht. Die Wirtschaft ist gut beraten, sich - gerade in einer kritischen Konjunkturlage - in diesem Fall massiv einzumischen.

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