Uniklinikum Würzburg

Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider: Entwicklungspsychiatrie mit vielen hochrelevanten Themen

Mit Sarah Kittel-Schneider gibt es seit Juli dieses Jahres eine neue Professorin für Entwicklungspsychiatrie am Uniklinikum Würzburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen affektive Erkrankungen beim Übertritt zum Erwachsenenalter sowie psychische Krankheiten der Eltern in Schwangerschaft und Stillzeit.

Seit Anfang Juli 2019 gibt es an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (KPPP) des Uniklinikums Würzburg eine neue W2-Professur zum Thema Entwicklungspsychiatrie. Besetzt wurde sie mit Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider, die zusätzlich auch zur Stellvertretenden Direktorin der von Prof. Dr. Jürgen Deckert geführten Klinik ernannt wurde. In den fünf Jahren davor arbeitete die Ärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Frankfurt a. M., zuletzt als Stellvertretende Direktorin. Die Berufung war für Prof. Kittel-Schneider eine Rückkehr, denn ein Großteil ihrer bisherigen Karriere fand in Würzburg statt.

Auf das Studium der Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg folgte ab dem Jahr 2008 die Arbeit und Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie an der KPPP. „Seit dem Beginn meiner Doktorarbeit war ich fasziniert von biologischer und translationaler Psychiatrie“, schildert die Neu-Professorin. Dabei bildete sich ein Schwerpunkt bei den neurobiologischen Grundlagen von ADHS bei Erwachsenen und der bipolaren Störung heraus. Im Jahr 2014 folgte die Ärztin ihrem früheren Doktorvater und Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Andreas Reif – einem bundesweit anerkannten Experten für bipolare Störung – von Würzburg nach Frankfurt. Dort habilitierte sie sich im Jahr 2018 zum Thema „Mehrebenen-Biomarker der bipolaren Störung und der adulten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“. Ihre im Lauf der Jahre aufgebaute Expertise dokumentieren unter anderem der Jules-Angst-Preis der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen, der derengagierten Forscherin im Jahr 2017 von dem in der Psychiatrie berühmten Namensgeber selbst verliehen wurde, sowie der Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie, den sie in diesem Jahr erhielt. 

Forschen an der Übertrittsphase zum Erwachsenenalter

Zukünftig will Sarah Kittel-Schneider sich der Transitionspsychiatrie widmen – seelischen Problemen in der Zeit des Übertritts von der Jugend zum Erwachsenenalter. Hier geht es vor allem um die Interaktion von verschiedenen Risikofaktoren, wie genetischer Veranlagung mit Umwelt- und Entwicklungsfaktoren. „Wir wollen Wege finden, Risikopatienten und Risikopersonen zu identifizieren, um diese Jugendlichen oder jungen Erwachsenen früher behandeln oder sogar Präventionsmaßnahmen für sie ergreifen zu können“, schildert die Professorin und fährt fort: „Dazu können wir zum Beispiel in Zellkulturen nachmodellieren, ob und wie Umwelteinflüsse – wie Nikotin und Paracetamol während der Schwangerschaft oder Sauerstoffmangel unter der Geburt – schädigend sind.“ Da es nach jetzigem Wissen keinen einzelnen, entscheidenden Risikomarker gibt, wird sich die Risikobeurteilung nach ihrer Einschätzung wahrscheinlich auf ein ganzes Set aus genetischen, epigenetischen, proteomischen und Bildgebungsbefunden stützen.

Zu ihren klinischen Vorhaben aus dem Bereich der Transitionspsychiatrie in den nächsten Monaten und Jahren zählt die Etablierung einer stationären Schwerpunktbehandlung von Adoleszenten und jungen Erwachsenen sowie einer Früherkennungs- und Transitionsambulanz. Beispielweise ist nach ihren Worten ADHS bei jungen Erwachsenen immer noch unterbehandelt. „Viele Patienten gehen uns mit 18 Jahren in der Behandlung verloren, weshalb wir eine noch bessere Vernetzung mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie anstreben. Die entsprechende, bestehende Sprechstunde dazu wollen wir weiter ausbauen“, kündigt Prof. Kittel-Schneider an.

Offene Fragen rund um Schwangerschaft und Stillzeit

Die zweite Hauptlinie ihrer Professur beschäftigt sich mit psychischen Erkrankungen der Eltern in Schwangerschaft und Stillzeit. „Beispielsweise herrscht bei der Behandlung von Frauen mit ADHS oder bipolarer Störung, die einen Kinderwunsch haben oder bereits schwanger sind, noch große Unsicherheit. Welche Auswirkungen haben Psychopharmaka auf das Ungeborene? Und wie finden sich die Wirkstoffe in der Muttermilch wieder? Hier ist noch so vieles unklar, dass noch keine Richt- oder Leitlinien existieren,“ erläutert Prof. Kittel-Schneider. Nach ihren Angaben gibt es deutschlandweit nur eine Handvoll Wissenschaftler/innen, die sich bislang mit diesem wichtigen Thema beschäftigen. „Zudem wollen wir besser verstehen, welche Auswirkungen psychische Erkrankungen bei den Eltern und deren Therapie auf die Entwicklung der Kinder haben – und das möglichst auch über einen langen Zeitraum“, betont die Forscherin und fährt fort: „Die wenigen Studien, die es hierzu bislang gibt, gehen maximal bis ins Grundschulalter. Aus diesen können wir ableiten, dass die Therapie der Mutter den Kindern offenbar nicht schadet. Aber wie sieht es aus, wenn die Kinder 20 Jahre alt sind? Und wie muss die Therapie aussehen, damit die Kinder eine positive Entwicklung nehmen?“ Deshalb sei eines ihrer großen Ziele, Familien über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren wissenschaftlich zu begleiten. „Jung genug dafür bin ich noch“, schmunzelt die Ärztin.

Bei den von affektiven Erkrankungen betroffenen Müttern ist bekannt, dass das Risiko, innerhalb der ersten vier bis sechs Wochen nach der Entbindung wieder krank zu werden, besonders hoch ist. „Hier müssen wir Lösungen finden, in dieser Zeit möglichst nahe an den Frauen dranzubleiben“, sagt die Professorin. Die in Würzburg bereits bestehenden Angebote einer Sprechstunde zu peripartalen psychischen Erkrankungen und einer Mutter-Kind-Tagesklinik sollen noch um weitere teilstationäre und stationäre Plätze sowie zusätzliche therapeutische Angebote ausgebaut werden.

Wochenbettdepression auch bei den Vätern möglich

Ein weiteres, vergleichsweise neues und bislang ebenfalls wenig bearbeitetes Thema für peripartale Forschung und neue Therapieangebote sind die Wochenbettdepressionen bei den Vätern. „Schätzungsweise fünf Prozent aller Männer entwickeln nach der Geburt ihres Kindes eine behandlungsbedürftige Depression“, berichtet Sarah Kittel-Schneider. Ihre diesbezüglich in Frankfurt begonnenen Forschungen zum System Familie stießen im vergangenen Jahr gerade auch in den Publikumsmedien auf hohes Interesse. Um den betroffenen Männern und damit indirekt auch den Müttern und Kindern weiterzuhelfen, ist geplant, eine spezielle Vätersprechstunde einzurichten. „Möglicherweise in Form eines Stammtischs, denn Stuhlkreise werden von dieser Zielgruppe eher abgelehnt“, weiß die Professorin.

Gute Aussichten für zielführende Kooperationen

Neben der Zusammenarbeit mit den Kollegen innerhalb des Zentrums für psychische Gesundheit sucht die nach Würzburg Zurückgekehrte die Kooperation mit vielen weiteren Disziplinen und Einrichtungen vor Ort, wie zum Beispiel der Gynäkologie und Pädiatrie, dem Institut für Klinische Neurobiologie sowie dem Fraunhofer-Institut und dem Lehrstuhl für Tissue-Engineering und regenerative Medizin. Die beiden Letzteren können durch ihre Arbeit mit Stammzellen relevante Partner sein. „Ich bin hier in Würzburg allseits sehr herzlich willkommen geheißen worden und – wie erhofft – auf eine sehr offene, kooperationsbereite Atmosphäre gestoßen“, freut sich Sarah Kittel-Schneider über den gelungenen Neustart an alter Wirkungsstätte.

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Seit Anfang Juli 2019 gibt es an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (KPPP) des Uniklinikums Würzburg eine neue W2-Professur zum Thema Entwicklungspsychiatrie. Besetzt wurde sie mit Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider, die zusätzlich auch zur Stellvertretenden Direktorin der von Prof. Dr. Jürgen Deckert geführten Klinik ernannt wurde. In den fünf Jahren davor arbeitete die Ärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Frankfurt a. M., zuletzt als Stellvertretende Direktorin. Die Berufung war für Prof. Kittel-Schneider eine Rückkehr, denn ein Großteil ihrer bisherigen Karriere fand in Würzburg statt.

Auf das Studium der Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg folgte ab dem Jahr 2008 die Arbeit und Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie an der KPPP. „Seit dem Beginn meiner Doktorarbeit war ich fasziniert von biologischer und translationaler Psychiatrie“, schildert die Neu-Professorin. Dabei bildete sich ein Schwerpunkt bei den neurobiologischen Grundlagen von ADHS bei Erwachsenen und der bipolaren Störung heraus. Im Jahr 2014 folgte die Ärztin ihrem früheren Doktorvater und Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Andreas Reif – einem bundesweit anerkannten Experten für bipolare Störung – von Würzburg nach Frankfurt. Dort habilitierte sie sich im Jahr 2018 zum Thema „Mehrebenen-Biomarker der bipolaren Störung und der adulten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“. Ihre im Lauf der Jahre aufgebaute Expertise dokumentieren unter anderem der Jules-Angst-Preis der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen, der derengagierten Forscherin im Jahr 2017 von dem in der Psychiatrie berühmten Namensgeber selbst verliehen wurde, sowie der Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie, den sie in diesem Jahr erhielt. 

Forschen an der Übertrittsphase zum Erwachsenenalter

Zukünftig will Sarah Kittel-Schneider sich der Transitionspsychiatrie widmen – seelischen Problemen in der Zeit des Übertritts von der Jugend zum Erwachsenenalter. Hier geht es vor allem um die Interaktion von verschiedenen Risikofaktoren, wie genetischer Veranlagung mit Umwelt- und Entwicklungsfaktoren. „Wir wollen Wege finden, Risikopatienten und Risikopersonen zu identifizieren, um diese Jugendlichen oder jungen Erwachsenen früher behandeln oder sogar Präventionsmaßnahmen für sie ergreifen zu können“, schildert die Professorin und fährt fort: „Dazu können wir zum Beispiel in Zellkulturen nachmodellieren, ob und wie Umwelteinflüsse – wie Nikotin und Paracetamol während der Schwangerschaft oder Sauerstoffmangel unter der Geburt – schädigend sind.“ Da es nach jetzigem Wissen keinen einzelnen, entscheidenden Risikomarker gibt, wird sich die Risikobeurteilung nach ihrer Einschätzung wahrscheinlich auf ein ganzes Set aus genetischen, epigenetischen, proteomischen und Bildgebungsbefunden stützen.

Zu ihren klinischen Vorhaben aus dem Bereich der Transitionspsychiatrie in den nächsten Monaten und Jahren zählt die Etablierung einer stationären Schwerpunktbehandlung von Adoleszenten und jungen Erwachsenen sowie einer Früherkennungs- und Transitionsambulanz. Beispielweise ist nach ihren Worten ADHS bei jungen Erwachsenen immer noch unterbehandelt. „Viele Patienten gehen uns mit 18 Jahren in der Behandlung verloren, weshalb wir eine noch bessere Vernetzung mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie anstreben. Die entsprechende, bestehende Sprechstunde dazu wollen wir weiter ausbauen“, kündigt Prof. Kittel-Schneider an.

Offene Fragen rund um Schwangerschaft und Stillzeit

Die zweite Hauptlinie ihrer Professur beschäftigt sich mit psychischen Erkrankungen der Eltern in Schwangerschaft und Stillzeit. „Beispielsweise herrscht bei der Behandlung von Frauen mit ADHS oder bipolarer Störung, die einen Kinderwunsch haben oder bereits schwanger sind, noch große Unsicherheit. Welche Auswirkungen haben Psychopharmaka auf das Ungeborene? Und wie finden sich die Wirkstoffe in der Muttermilch wieder? Hier ist noch so vieles unklar, dass noch keine Richt- oder Leitlinien existieren,“ erläutert Prof. Kittel-Schneider. Nach ihren Angaben gibt es deutschlandweit nur eine Handvoll Wissenschaftler/innen, die sich bislang mit diesem wichtigen Thema beschäftigen. „Zudem wollen wir besser verstehen, welche Auswirkungen psychische Erkrankungen bei den Eltern und deren Therapie auf die Entwicklung der Kinder haben – und das möglichst auch über einen langen Zeitraum“, betont die Forscherin und fährt fort: „Die wenigen Studien, die es hierzu bislang gibt, gehen maximal bis ins Grundschulalter. Aus diesen können wir ableiten, dass die Therapie der Mutter den Kindern offenbar nicht schadet. Aber wie sieht es aus, wenn die Kinder 20 Jahre alt sind? Und wie muss die Therapie aussehen, damit die Kinder eine positive Entwicklung nehmen?“ Deshalb sei eines ihrer großen Ziele, Familien über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren wissenschaftlich zu begleiten. „Jung genug dafür bin ich noch“, schmunzelt die Ärztin.

Bei den von affektiven Erkrankungen betroffenen Müttern ist bekannt, dass das Risiko, innerhalb der ersten vier bis sechs Wochen nach der Entbindung wieder krank zu werden, besonders hoch ist. „Hier müssen wir Lösungen finden, in dieser Zeit möglichst nahe an den Frauen dranzubleiben“, sagt die Professorin. Die in Würzburg bereits bestehenden Angebote einer Sprechstunde zu peripartalen psychischen Erkrankungen und einer Mutter-Kind-Tagesklinik sollen noch um weitere teilstationäre und stationäre Plätze sowie zusätzliche therapeutische Angebote ausgebaut werden.

Wochenbettdepression auch bei den Vätern möglich

Ein weiteres, vergleichsweise neues und bislang ebenfalls wenig bearbeitetes Thema für peripartale Forschung und neue Therapieangebote sind die Wochenbettdepressionen bei den Vätern. „Schätzungsweise fünf Prozent aller Männer entwickeln nach der Geburt ihres Kindes eine behandlungsbedürftige Depression“, berichtet Sarah Kittel-Schneider. Ihre diesbezüglich in Frankfurt begonnenen Forschungen zum System Familie stießen im vergangenen Jahr gerade auch in den Publikumsmedien auf hohes Interesse. Um den betroffenen Männern und damit indirekt auch den Müttern und Kindern weiterzuhelfen, ist geplant, eine spezielle Vätersprechstunde einzurichten. „Möglicherweise in Form eines Stammtischs, denn Stuhlkreise werden von dieser Zielgruppe eher abgelehnt“, weiß die Professorin.

Gute Aussichten für zielführende Kooperationen

Neben der Zusammenarbeit mit den Kollegen innerhalb des Zentrums für psychische Gesundheit sucht die nach Würzburg Zurückgekehrte die Kooperation mit vielen weiteren Disziplinen und Einrichtungen vor Ort, wie zum Beispiel der Gynäkologie und Pädiatrie, dem Institut für Klinische Neurobiologie sowie dem Fraunhofer-Institut und dem Lehrstuhl für Tissue-Engineering und regenerative Medizin. Die beiden Letzteren können durch ihre Arbeit mit Stammzellen relevante Partner sein. „Ich bin hier in Würzburg allseits sehr herzlich willkommen geheißen worden und – wie erhofft – auf eine sehr offene, kooperationsbereite Atmosphäre gestoßen“, freut sich Sarah Kittel-Schneider über den gelungenen Neustart an alter Wirkungsstätte.

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