Lesestoff für Führungskräfte

Kommunikation braucht Wachsamkeit

Ulrich Pfaffenberger blättert nicht nur durch, sondern nimmt sich die Botschaften zu Herzen, die ihm gute Bücher liefern. Dieses Wissen zu teilen, ist Aufgabe dieser Kolumne.

Worte sind verräterisch. Insbesondere dann, wenn das Konzept, das sie beschreiben, dem hochtrabenden Etikett nicht gerecht wird. Oder nicht mehr. Das "Brainstorming" gehört dazu, dem die fromme Hoffnung zugrundeliegt, dass schon irgendetwas Brauchbares herauskommen wird, wenn man den Ideen-Ventilator nur lange genug auf höchster Stufe laufen lässt. Oder der falsch verstandene "Quantensprung", angewendet im Sinn von "rieisiger Fortschritt", in der realne Physik aber nur eine winzigste Bewegung. Oder die "Synergie", deren Verfechter davon ausgehen, dass mehr als die Summe zweier Komponenten herauskommt, wenn man sie nur massive genug zusammenquetscht.

Es ist Jens Bergmann in seinem Buch "Business Bullshit - Managerdeutsch in 100 Phrasen und Blasen" (Dudenverlag, 2021, ISBN 978-3-411-71574-9) sichtlich leicht gefallen, solche sprachlichen Verirrungen zu sammeln. Nicht minder leicht gelingt ihm ie Beweisführung, wie substanzarm und irreführend die meisten dieser formelhaft gebrauchten Ausdrücke sind. Diese sind vielen Führungskräften - nicht nur in der Wirtschaft - wohlfeil. Sie lassen, so der Autor, " alte Ideen wie neu erscheinen, Oberflächliches tiefgründig, Unsinn bedeutsam." Allerdings bringe das leere Gerede auch Gefahren mit sich: Es lähmt die Denktätigkeit, schadet Unternehmen und macht viele Menschen unglücklich..

Der stellvertretende Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Brand Eins" beobachtet die Verbreitung des Businessjargons seit vielen Jahren und ist nach eigenen Worten "tagtäglich damit beschäftigt, ihn in verständliche Sprache zu übersetzen - und damit zu entzaubern". Eine Aufgabe, die man nach Lektüre der gut 200 Seiten nicht ihm allein überlassen sollte. Fast schon wie eine Kommunikations-Katechismus dient dieses Buch zur regelmäßigen Gewissensprüfung: WIe halte ich es eigentlich selbst mit Phrasen? Was akzeptiere ich wider besseres Wissen als sprachliche Nullnummer von meinen Gesprächspartnern? Sollte es mir nicht die Mühe wert sein, eigene Sprache für meine Wünsche, Vorhaben und Ziele zu finden? Georg Chrisoph Lichtenberg hat das vor langer Zeit auf den Punkt gebracht: „Meine Sprache ist allzeit simpel, enge und plan. Wenn man einen Ochsen schlachten will, so schlägt man ihm gerade vor den Kopf.“

Es ist nicht so, dass die von Bergmann aufgeführten Termini samt und sonders sinnentleert wären. "Coaching", "Entscheider", "Optimieren" - das alles lässt sich mit Inhalt füllen. Es kommt eben darauf an, sich auch Gedanken darüber zu machen, was bei den Angesprochenen ankommt. Eigene Unsicherheit und Planlosigkeit sollte das nicht sein, auch wenn sie sich im schicken Wörtermantel tarnt. Tatsächlich aber, das macht "Business Bullshit" sichtbar, sind Kaisers neue Sprachkleider vollkommen durchsichtig. Wer sich vernünftig anziehen will, für den sind die 15 Euro Buchpreis gut investiert.

***

 Man kann und darf im Sinne des gerade von Ihnen Gelesenen gleich noch einen weiteren Begriff in den Kanon des nutzlosen Jargons einfügen: "Bullshit" selbst ist eine billige Attacke, eine Herabwürdigen von Worten, Ideen und Konzepten. Klassische Herrschaftssprache, die häufig genug nicht den Inhalt treffen soll, sondern den Überbringer. Die wachsende Begeisterung für plakative Sprachgewalt führt zu nichts Gutem. Aber sie verkauft sich gut, wie uns die Inflation einschlägiger Schlagzeilen und Online-Schmähgesänge zeigt.

Wenn ich also an dieser Stelle Partei ergreife für ein weiteres Buch, dass "BS" im Titel trägt, so ist das ausschließlich seinen inhaltlichen Qualitäten geschuldet. "Calling Bullshit" (Random House International Edition 2020, ISBN 978-0-592-22976-7)  befasst sich mit der Kunst des Skeptizismus in einer daten-getriebenen Welt, wie der Untertitel verspricht. Die Autoren sind zwei Wissenschaftler der University of Washington, Carl T. Bergstrom und Jevin D. West. Der eine ist Biologe und Evolutionsforscher und untersucht, welche Informationen und Daten durch das Leben auf unserem Planeten fließen und was sie bewirken. Der andere ist Daten-Forscher und einer von jenen Zeitgenossen, deren Website man nicht besuchen sollte, wenn man nicht Stunden später wieder zu Bewusstsein kommen will, wie unglaublich viele Datendinge es gibt, mit denen man sich ausgiebig beschäftigen sollte, wenn man im 21. Jahrhundert nicht ganz und gar verloren gehen möchte. Zum Ausprobieren empfehle ich eigenfaktor.org

Auch hier geht es wieder um Kommunikation, allerdings aus der Sicht von Empfängern, die mit immer mehr vermeintlich fundierten Daten und Analysen bombardiert werden - ohne dass wir auch nur den Hauch einer Chance hätten, deren Plausibilität und Aussagekraft zu verifizieren. Die Autoren führen dazu den Begriff der "Mathiness" ein, also einer Darstellung, die sich den Anschein mathematischer Aufrichtigkeit gibt, gleichzeitig aber mit allen Regeln der Logik bricht. Wir kennen das von der Wilderei im Wald der Statistik.

"Bullshit umfasst Sprache, statistische Zahlen, Datengrafiken und andere Präsentationsformen, die darauf abzielen, einen Leser oder Zuhörer zu beeindrucken und zu überwältigen, wobei Wahrheit und logische Kohärenz eklatant missachtet werden." schreiben die Autoren dazu. "Calling Bullshit ist ein Sprechakt, bei dem man etwas Verwerfliches öffentlich zurückweist." Dazu braucht man Rüstzeug, dazu braucht man Erkenntnis, wie die Trickser und Täuscher vorgehen. So gesehen - und wenn man bereit ist, in etwas anspruchsvolleres Englisch zu investieren - ist dieses Buch unverzichtbar für das Leben mit Daten. Sozusagen das "Handbuch des Fähnlein Fieselschweif" für das 21. Jahrhundert.

***

 Ein Buch schreibt sich nicht über Nacht. Darin unterscheidet sich das Tagewerk eines Journalisten von dem eines Buchautors. Wenn beides zusammenkommt, braucht es immer auch ein bisschen Glück (oder den Riecher, dazu später mehr) bei der potentiellen Aktualität. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Opus am Erscheinungstag relevant für eine große Leserschar ist, dessen Recherchen sich über Monate hingezogen haben? Günter Klein konnt bei seiner Biografie "Hansi Flick" darauf spekulieren, dass das Leben eines Trainers beim FC Bayern immer zugkräftig ist. Dennoch: Dass pünktlich zum Erscheinungstermin das Verhältnis zwischen Verein und Trainer so zerrüttet ist, dass man sich trotz beeindruckender Erfolge voneinander trennt, das war so nicht absehbar. 

Oder doch? Auch wenn es in diesem Buch (riva verlag 2021, ISBN 978-3-7423-1765-0) um Fussball und eine Sport-Persönlichkeit geht, handelt es doch von der ersten bis zur letzten Zeile von Kommunikation und ihren Folgen und Nebenwirkungen. Wie äußert sich der Beschriebene selbst? Was sind seine Worte wert? Wer erzählt dem neugierigen Autor was über die Zielperson? Welche Äußerungen aus der Vergangenheit lassen die Gegenwart in neuem Licht erscheinen?  Und welche Rolle spielt Bammeltal in dieser Geschichte?

Was aus den Ergebnissen der Recherche beim Schreiben wurde, ist nicht nur für fußballinteressierte Leser und Auguren der künftigen Entwicklung der Nationalmannschaft lesenswert. Es liefert jedem, der in der Öffentlichkeit zu Prominenz heranreift, wertvolle Hinweise für die Wahl von Worten, Werten und Methoden - sowie Gedankenanstöße zur Haltung gegenüber "Haltung". Zum Umgang mit Erfolg und Misserfolg. Zum Verständnis von Miteinander und Verantwortung im Verhältnis zwischen jenem, der die Taktik vorgibt, und jenen, die sie auf dem Spielfeld des Wettbewerbs umsetzen sollen. 

"Wie ich behandelt werden möchte, so behandle ich andere", zitiert Klein den Grundsatz des Spielers, Trainers und Sportdirektors. Bei der Kommunikation damit zu beginnen (oder auf spektakuläre Außenwirkung zu verzichten wie Flick) ist ein wertvoller Hinweis über Branchengrenzen hinaus.

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Lesestoff für Führungskräfte

Kommunikation braucht Wachsamkeit

Ulrich Pfaffenberger blättert nicht nur durch, sondern nimmt sich die Botschaften zu Herzen, die ihm gute Bücher liefern. Dieses Wissen zu teilen, ist Aufgabe dieser Kolumne.

Worte sind verräterisch. Insbesondere dann, wenn das Konzept, das sie beschreiben, dem hochtrabenden Etikett nicht gerecht wird. Oder nicht mehr. Das "Brainstorming" gehört dazu, dem die fromme Hoffnung zugrundeliegt, dass schon irgendetwas Brauchbares herauskommen wird, wenn man den Ideen-Ventilator nur lange genug auf höchster Stufe laufen lässt. Oder der falsch verstandene "Quantensprung", angewendet im Sinn von "rieisiger Fortschritt", in der realne Physik aber nur eine winzigste Bewegung. Oder die "Synergie", deren Verfechter davon ausgehen, dass mehr als die Summe zweier Komponenten herauskommt, wenn man sie nur massive genug zusammenquetscht.

Es ist Jens Bergmann in seinem Buch "Business Bullshit - Managerdeutsch in 100 Phrasen und Blasen" (Dudenverlag, 2021, ISBN 978-3-411-71574-9) sichtlich leicht gefallen, solche sprachlichen Verirrungen zu sammeln. Nicht minder leicht gelingt ihm ie Beweisführung, wie substanzarm und irreführend die meisten dieser formelhaft gebrauchten Ausdrücke sind. Diese sind vielen Führungskräften - nicht nur in der Wirtschaft - wohlfeil. Sie lassen, so der Autor, " alte Ideen wie neu erscheinen, Oberflächliches tiefgründig, Unsinn bedeutsam." Allerdings bringe das leere Gerede auch Gefahren mit sich: Es lähmt die Denktätigkeit, schadet Unternehmen und macht viele Menschen unglücklich..

Der stellvertretende Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Brand Eins" beobachtet die Verbreitung des Businessjargons seit vielen Jahren und ist nach eigenen Worten "tagtäglich damit beschäftigt, ihn in verständliche Sprache zu übersetzen - und damit zu entzaubern". Eine Aufgabe, die man nach Lektüre der gut 200 Seiten nicht ihm allein überlassen sollte. Fast schon wie eine Kommunikations-Katechismus dient dieses Buch zur regelmäßigen Gewissensprüfung: WIe halte ich es eigentlich selbst mit Phrasen? Was akzeptiere ich wider besseres Wissen als sprachliche Nullnummer von meinen Gesprächspartnern? Sollte es mir nicht die Mühe wert sein, eigene Sprache für meine Wünsche, Vorhaben und Ziele zu finden? Georg Chrisoph Lichtenberg hat das vor langer Zeit auf den Punkt gebracht: „Meine Sprache ist allzeit simpel, enge und plan. Wenn man einen Ochsen schlachten will, so schlägt man ihm gerade vor den Kopf.“

Es ist nicht so, dass die von Bergmann aufgeführten Termini samt und sonders sinnentleert wären. "Coaching", "Entscheider", "Optimieren" - das alles lässt sich mit Inhalt füllen. Es kommt eben darauf an, sich auch Gedanken darüber zu machen, was bei den Angesprochenen ankommt. Eigene Unsicherheit und Planlosigkeit sollte das nicht sein, auch wenn sie sich im schicken Wörtermantel tarnt. Tatsächlich aber, das macht "Business Bullshit" sichtbar, sind Kaisers neue Sprachkleider vollkommen durchsichtig. Wer sich vernünftig anziehen will, für den sind die 15 Euro Buchpreis gut investiert.

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 Man kann und darf im Sinne des gerade von Ihnen Gelesenen gleich noch einen weiteren Begriff in den Kanon des nutzlosen Jargons einfügen: "Bullshit" selbst ist eine billige Attacke, eine Herabwürdigen von Worten, Ideen und Konzepten. Klassische Herrschaftssprache, die häufig genug nicht den Inhalt treffen soll, sondern den Überbringer. Die wachsende Begeisterung für plakative Sprachgewalt führt zu nichts Gutem. Aber sie verkauft sich gut, wie uns die Inflation einschlägiger Schlagzeilen und Online-Schmähgesänge zeigt.

Wenn ich also an dieser Stelle Partei ergreife für ein weiteres Buch, dass "BS" im Titel trägt, so ist das ausschließlich seinen inhaltlichen Qualitäten geschuldet. "Calling Bullshit" (Random House International Edition 2020, ISBN 978-0-592-22976-7)  befasst sich mit der Kunst des Skeptizismus in einer daten-getriebenen Welt, wie der Untertitel verspricht. Die Autoren sind zwei Wissenschaftler der University of Washington, Carl T. Bergstrom und Jevin D. West. Der eine ist Biologe und Evolutionsforscher und untersucht, welche Informationen und Daten durch das Leben auf unserem Planeten fließen und was sie bewirken. Der andere ist Daten-Forscher und einer von jenen Zeitgenossen, deren Website man nicht besuchen sollte, wenn man nicht Stunden später wieder zu Bewusstsein kommen will, wie unglaublich viele Datendinge es gibt, mit denen man sich ausgiebig beschäftigen sollte, wenn man im 21. Jahrhundert nicht ganz und gar verloren gehen möchte. Zum Ausprobieren empfehle ich eigenfaktor.org

Auch hier geht es wieder um Kommunikation, allerdings aus der Sicht von Empfängern, die mit immer mehr vermeintlich fundierten Daten und Analysen bombardiert werden - ohne dass wir auch nur den Hauch einer Chance hätten, deren Plausibilität und Aussagekraft zu verifizieren. Die Autoren führen dazu den Begriff der "Mathiness" ein, also einer Darstellung, die sich den Anschein mathematischer Aufrichtigkeit gibt, gleichzeitig aber mit allen Regeln der Logik bricht. Wir kennen das von der Wilderei im Wald der Statistik.

"Bullshit umfasst Sprache, statistische Zahlen, Datengrafiken und andere Präsentationsformen, die darauf abzielen, einen Leser oder Zuhörer zu beeindrucken und zu überwältigen, wobei Wahrheit und logische Kohärenz eklatant missachtet werden." schreiben die Autoren dazu. "Calling Bullshit ist ein Sprechakt, bei dem man etwas Verwerfliches öffentlich zurückweist." Dazu braucht man Rüstzeug, dazu braucht man Erkenntnis, wie die Trickser und Täuscher vorgehen. So gesehen - und wenn man bereit ist, in etwas anspruchsvolleres Englisch zu investieren - ist dieses Buch unverzichtbar für das Leben mit Daten. Sozusagen das "Handbuch des Fähnlein Fieselschweif" für das 21. Jahrhundert.

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 Ein Buch schreibt sich nicht über Nacht. Darin unterscheidet sich das Tagewerk eines Journalisten von dem eines Buchautors. Wenn beides zusammenkommt, braucht es immer auch ein bisschen Glück (oder den Riecher, dazu später mehr) bei der potentiellen Aktualität. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Opus am Erscheinungstag relevant für eine große Leserschar ist, dessen Recherchen sich über Monate hingezogen haben? Günter Klein konnt bei seiner Biografie "Hansi Flick" darauf spekulieren, dass das Leben eines Trainers beim FC Bayern immer zugkräftig ist. Dennoch: Dass pünktlich zum Erscheinungstermin das Verhältnis zwischen Verein und Trainer so zerrüttet ist, dass man sich trotz beeindruckender Erfolge voneinander trennt, das war so nicht absehbar. 

Oder doch? Auch wenn es in diesem Buch (riva verlag 2021, ISBN 978-3-7423-1765-0) um Fussball und eine Sport-Persönlichkeit geht, handelt es doch von der ersten bis zur letzten Zeile von Kommunikation und ihren Folgen und Nebenwirkungen. Wie äußert sich der Beschriebene selbst? Was sind seine Worte wert? Wer erzählt dem neugierigen Autor was über die Zielperson? Welche Äußerungen aus der Vergangenheit lassen die Gegenwart in neuem Licht erscheinen?  Und welche Rolle spielt Bammeltal in dieser Geschichte?

Was aus den Ergebnissen der Recherche beim Schreiben wurde, ist nicht nur für fußballinteressierte Leser und Auguren der künftigen Entwicklung der Nationalmannschaft lesenswert. Es liefert jedem, der in der Öffentlichkeit zu Prominenz heranreift, wertvolle Hinweise für die Wahl von Worten, Werten und Methoden - sowie Gedankenanstöße zur Haltung gegenüber "Haltung". Zum Umgang mit Erfolg und Misserfolg. Zum Verständnis von Miteinander und Verantwortung im Verhältnis zwischen jenem, der die Taktik vorgibt, und jenen, die sie auf dem Spielfeld des Wettbewerbs umsetzen sollen. 

"Wie ich behandelt werden möchte, so behandle ich andere", zitiert Klein den Grundsatz des Spielers, Trainers und Sportdirektors. Bei der Kommunikation damit zu beginnen (oder auf spektakuläre Außenwirkung zu verzichten wie Flick) ist ein wertvoller Hinweis über Branchengrenzen hinaus.

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