Interview zum Thema Nachwuchssuche bei GOK

"Es gibt ein Akzeptanzproblem bei gewerblichen Berufen"

Die Nachwuchssuche wird für viele Unternehmer zusehends schwieriger. Diesen Trend bekommt auch der Regler- und Armaturenhersteller GOK aus Marktbreit zu spüren. Welche Ursachen diese Entwicklung hat und wie GOK damit umgeht, darüber sprach B4BMAINFRANKEN im Interview mit Marion Schmittner (Gruppenleiterin Personal), Manuel Stöcker (Leiter Finanzen) und Andreas Braun (Pressesprecher).

B4BMAINFRANKEN: Konnten Sie zum Start des Ausbildungsjahres alle Ausbildungsplätze bei Ihnen im Unternehmen besetzen?

Schmittner: Wir konnten alle Ausbildungsplätze besetzen. Wir bieten im gewerblichen Bereich die Ausbildung zum Industriemechaniker sowie zum Fachlagerist bzw. zur Fachkraft für Lagerlogistik an. Im kaufmännischen Bereich bilden wir Industriekaufleute, technische Produktdesigner sowie Fachinformatiker für Systemintegration aus. Allerdings ist der gewerbliche Bereich bei der Suche nach Auszubildenden grundsätzlich schwieriger als der kaufmännische. Die Zahl der Bewerber, aus denen man auswählen kann, ist dort am Ende schon sehr dünn.

Einmal von der aktuellen Situation abgesehen, wie hat sich denn allgemein die Nachwuchssituation bei GOK in den vergangenen Jahren entwickelt?

Schmittner: Im kaufmännischen Bereich ist die Rückmeldung allgemein gut, derzeit erhalten wir noch genügend Bewerbungen. Im gewerblichen Bereich allerdings kommen generell sehr wenige Bewerbungen rein. Wir konnten zwar  in diesem Jahr den Bedarf noch abdecken, aber es macht sich doch ein spürbarer Rückgang bemerkbar. Wie es im nächsten Jahr aussehen wird, ist fraglich. Momentan liegt uns nur noch eine aktive Bewerbung im gewerblichen Bereich vor. Eigentlich planen wir im Herbst 2019 zwei bis drei Azubis dort einzustellen. Aber das wird wohl schwierig werden.  

Was ist denn Ihrer Meinung nach die Ursache für diese Entwicklung?

Schmittner: Ich glaube, dass es heutzutage ein Akzeptanzproblem bei gewerblichen Berufen gibt. Ein Beruf an der Werkbank wird als nicht so attraktiv angesehen wie beispielsweise der Job eines technischen Produktdesigners, der am PC arbeitet. Das wird auch in der Schulzeit schon vorgelebt. Viele schicken ihre Kinder nicht mehr auf die Mittelschule, es muss die Realschule oder das Gymnasium sein, weil aus dem Kind ja mal etwas werden soll. Und danach muss es am besten natürlich auch noch ein Studium sein. Viele Eltern sehen die gewerblichen Berufe nicht mehr als attraktive Karriereoption an, was für uns ein Problem ist.

Braun: Ich habe den Eindruck, dass unser Ausbildungssystem, das uns aufgrund seiner Einmaligkeit im internationalen Vergleich deutlich hervorhebt, einfach nicht mehr wertgeschätzt wird. Stattdessen wird das Studium über alles gestellt. Gefühlt wird ja schon in der Grundschule suggeriert, dass man es heutzutage ohne Studienabschluss zu nichts mehr bringen kann. Das finde ich wirklich bedenklich. Denn natürlich ist ein Studium eine gute Vorbereitung. Aber wir als Unternehmen stehen dafür, dass man eben auch ohne Hochschulabschluss viel erreichen kann, wenn man sich einbringt und weiterbildet.

Stöcker: Ich denke, ein Problem ist auch, dass die Anforderungen in den gewerblichen Berufen immer weiter steigen. Ein Beispiel ist der technische Bereich, wo die Mitarbeiter etwa CNC-Maschinen programmieren müssen. Ein Absolvent der Mittelschule kann das kaum mehr leisten. Und diejenigen, welche diese Anforderungen erfüllen könnten, gehen eher auf BOS, FOS oder später dann Richtung Studium. Das ist gerade beim Berufsfeld Industriemechaniker ein Problem für uns.

Sehen Sie in diesem Kontext den Standort Ihres Unternehmens – zwar noch im Großraum Würzburg, aber auch schon im ländlichen Raum – als einen Nachteil bei Suche nach Lehrlingen oder vielleicht sogar doch eher als Vorteil?

Schmittner: Unser Problem mit der Lage ist eher, dass wir sehr versteckt liegen. Im Vergleich mit Unternehmen, die direkt an einer Hauptverkehrsstraße liegen, haben wir es sehr schwer. Wir haben zwar viele Mitarbeiter (rund 330, Anm. d. Red.), sind aber trotzdem leider nicht im Landkreis Kitzingen beziehungsweise Würzburg/Ochsenfurt überall bekannt.

Stöcker: Wir sind zwar am Rand, aber es gibt hier auch relativ wenige andere Arbeitgeber, so dass die Lage auch wieder ein Plus ist. Die nächste Konkurrenz haben wir eigentlich erst in Ochsenfurt und Kitzingen.

Braun: Unsere Lage ist Fluch und Segen zugleich. Wir sitzen zwar nicht wirklich an etwas Größerem dran, dafür aber so ziemlich in der Mitte von allem. Wir können potenzielle Mitarbeiter sowohl aus dem Landkreis Neustadt/Aisch, als auch dem Kreis Würzburg und natürlich aus Kitzingen gewinnen.

Haben Sie zusätzliche Maßnahmen bei der Suche nach Auszubildenden ergriffen?

Schmittner: Wir haben unter anderem in Schülerzeitungen inseriert, um so unsere Präsenz und Bekanntheit zu verbessern. Wir bieten außerdem für alle Ausbildungsberufe Praktika für Schüler an. Wir nehmen dabei eigentlich alle Anfragen an. Dass wir mal jemanden ablehnen, kommt hingegen sehr selten vor. Wir haben uns außerdem auch schon mit einigen Schulen abgestimmt, dass wir unsere Stellenausschreibungen an deren schwarzen Brettern aushängen dürfen. In Zukunft wollen wir darüber hinaus auch auf Bildungsmessen vertreten sein.

Braun: Wir wollen außerdem im Zuge eines Personalmarketing-Projekts in absehbarer Zeit ein Konzept entwickeln, in dem wir definieren, für was genau wir als Unternehmen eigentlich stehen wollen. Als inhabergeführtes Familienunternehmen sind Kontinuität und Nachhaltigkeit unsere Trumpfkarten, mit denen wir dann auch nach außen gehen wollen. Unser Ziel ist es, Präsenz zu zeigen und mit unseren Werten potenzielle Mitarbeiter zu überzeugen - in klarer Abgrenzung zu Konzernstrukturen.

Haben Sie auch in Betracht gezogen, die Anforderungen an potenzielle Bewerber zu senken, um so den Kandidatenkreis zu erweitern?

Schmittner: Die Frage kann ich mit einem klaren Ja beantworten. Wir sind mit unseren Anforderungen im Vergleich zu früher auf jeden Fall schon zurückgegangen und versuchen, diejenigen, die dadurch zu uns gekommen sind, auch gut durch die Ausbildung zu bringen und anschließend zu übernehmen. Wir geben diesen jungen Leuten wirklich Chancen. Manch einer nutzt diese auch gut, bei manch anderem hingegen funktioniert es auch mit Anstupsen nicht.

Viele Unternehmen beklagen ja mittlerweile beim Thema Auszubildende nicht nur einen Rückgang der Quantität, sondern auch der Qualität. Teilen Sie diesen Eindruck?

Schmittner: Man kann da sicherlich nicht alle über einen Kamm scheren. Aber es stimmt schon, dass in gewisser Weise Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit bei manchen erst antrainiert werden muss. Früher hat man das eigentlich vorausgesetzt. Für uns bedeutet das, dass wir auch Erziehungsarbeit leisten müssen. So viele Gespräche, wie wir im Personalbereich in letzter Zeit führen mussten, das gab es früher eigentlich nicht. Außerdem gibt es auch die Tendenz, dass man als Auszubildender bei einer Firma anfängt und dann dort auch über einen längeren Zeitraum bleibt, dies ist heute nicht mehr zwangsläufig so. Die Jugendlichen sind sprunghafter geworden. Die Bindung zum Unternehmen muss man ihnen in der Ausbildung aufzeigen und vermitteln.

Sehen Sie auch die Politik in der Pflicht beim Thema Nachwuchssicherung in Unternehmen? Welche konkreten Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach nötig?

Schmittner: Was ich wichtig finde ist, dass grundsätzlich die Berufe im gewerblichen Bereich wieder attraktiver gemacht werden, was sie unter dem Strich auch eigentlich sind. Da könnte ruhig eine Kampagne kommen, die von höherer Stelle angesetzt wird. Handlungsbedarf sehe ich auch in der Verteilung der Berufsschulen. Diese sind mittlerweile so zentralisiert, dass Auszubildende teilweise von Ochsenfurt nach Karlstadt fahren müssen. Für einen 15- oder 16-Jährigen ist das nur mit einer sehr langen Anfahrt oder schlicht gar nicht möglich. Wir sehen das auch bei uns im Unternehmen. Unsere Auszubildenden müssen für manche Kurse bis nach Schweinfurt fahren.

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