Vortragsveranstaltung beim Würzburger Internetprovider rockenstein

"Mit der Blockchain kann man im Prinzip alles in die digitale Welt bringen"

In kaum eine Technologie setzt die Wirtschaft derzeit so große Hoffnungen wie in die Blockchain. Nicht weniger als eine digitale Revolution versprechen sich viele davon. Ob diese Erwartungen realistisch sind und welches Potenzial die Technologie für Unternehmen tatsächlich bietet, darüber sprachen Tobias Fertig und Andreas Schütz bei einem Vortrag beim Würzburger Internetprovider rockenstein.

Die beiden Informatiker sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Informatik und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Mit dem Thema Blockchain haben sich beide im Zuge ihrer Forschung bereits intensiv auseinandergesetzt.

Wer den Begriff Blockchain zwar schon öfters gehört hat, aber sich darunter so recht nichts vorstellen kann, für den hier vorweg nochmal das Wichtigste in Kürze: Bei der Blockchain-Technologie handelt es sich um ein dezentrales Protokoll für digitale Transaktionen zwischen verschiedenen Parteien in einem Netzwerk, bei dem jede Veränderung transparent erfasst wird. Jeder Teilnehmer des Netzwerks hat eine Kopie des Transaktionsprotokolls und kann so alle Änderungen jederzeit nachvollziehen. Vereinfacht gesagt könnte man die Blockchain als eine Art digitales, dezentrales Kassenbuch bezeichnen. Dieses bringt zahlreiche Vorteile mit sich, wie die beiden Nachwuchsforscher von der FHWS ausführten. So ermöglicht die Blockchain etwa eine hohe Transaktionsgeschwindigkeit. „Bei vielen gleichzeitigen Transaktionen kann es aber auch mal etwas länger dauern“, schränkte Tobias Fertig diesen Faktor allerdings ein. 

Ein weiteres Plus ist die Betrugssicherheit. „Um eine Blockchain zu manipulieren, müsste man mehr als 50 Prozent der Knoten in einem Netzwerk kontrollieren“, erläuterte Fertig. Und sprach dabei auch gleich ein verbreitetes Missverständnis an: „Es gibt mehr als eine Blockchain“, so der Informatiker. So könne sich beispielsweise jede Firma ihre eigene aufsetzen.

Blockchain-Typologie 

Für Unternehmen am interessantesten sind dabei wohl die sogenannten privaten Blockchains. Bei diesen kann – im Gegensatz zu öffentlichen Blockchains - im Vorfeld ein fester Teilnehmerkreis bestimmt werden.  Sowohl bei der öffentlichen als auch bei der privaten Version gibt es außerdem noch eine weitere Unterteilung in die Varianten „permissionless“ und „permissioned“. Bei erster kann jeder Netzwerkteilnehmer sowohl Einblick in das Transaktionsprotokoll nehmen als auch dort selbst Einträge hinzufügen. Bei der „permissioned“-Variante hingegen haben nur ausgewählte Nutzer auch Schreibrechte.

Eine konkrete Einsatzmöglichkeit der Technologie in der Geschäftswelt sind etwa sogenannte smart contracts. Dabei handelt es sich im Prinzip um digitale Verträge, welche über die Blockchain geschlossen und mit Hilfe dieser auch vollzogen werden. „Darüber könnte man im Prinzip alles in die digitale Welt bringen und automatisieren“, erklärte Andreas Schütz. So sei es beispielweise denkbar, den Verkauf von Grundstücken über die smarten Kontrakte abzuwickeln. Auch die Erstellung der Steuererklärung wäre darüber denkbar. Auf diese Weise könnte für das Finanzamt jede Transaktion transparent dargestellt werden.

Viel Potenzial in Logistik- und Finanzbranche

Mit Blick auf die Nutzungsmöglichkeiten der Blockchain in einzelnen Branchen bietet nach Aussage von Schütz und Fertig etwa der Finanzsektor großes Potenzial. So könne die Blockchain unter anderem bei Zahlungsverkehr und Vermögensverwaltung eingesetzt werden. Als konkretes Beispiel nannten die Referenten den Versicherungskonzern AXA. Dieser biete eine Versicherung gegen Verspätungen bei Flügen an, welche bereits über die smarten Verträge abgewickelt werde. Das funktioniert so: Meldet ein Versicherter einen Schadensfall, überprüft der smart contract die Abflugzeiten, um festzustellen ob tatsächlich eine Verspätung bei dem beanstandeten Flug vorgelegen hat. Ist dies der Fall, wird die Versicherungssumme ausgezahlt. Der Vorteil: Das ganze läuft vollautomatisch ab. Es muss sich also kein Sachbearbeiter darum kümmern, was eine erheblich schnellere Auszahlung ermöglicht. Auch im Logistikbereich gibt es bereits zahlreiche Projekt zur Nutzung der Blockchain. „Damit kann zum Beispiel die Einhaltung der Kühlkette transparent nachverfolgt werden“, so Schütz.  

Von diesen Beispielen einmal abgesehen, für welche Unternehmen könnte der Einsatz der Technologie denn grundsätzlich auch sinnvoll sein? Laut der beiden Informatiker lässt sich dies anhand einiger Kriterien abschätzen. Brauche ich eine Datenbank? Benötigen mehrere Teilnehmer darauf Schreibzugriff? Wer diese beiden Fragen mit „Ja“ beantwortet, für den könne die Nutzung der Blockchain sinnvoll sein. Weitere Kriterien seien, ob die Teilnehmer im Netzwerk sich vertrauen und ob es dort bereits eine vertrauenswürdige Instanz gebe. Sei beides nicht der Fall, biete sich ebenfalls der Einsatz der dezentralen Datenbank-Technologie an.

Weitere Artikel zum Gleichen Thema
nach oben